PETER ELSDON
Keith Jarrett´s The Köln Concert
Oxford Studies in Recorded Jazz
171 S., zahlreiche Notenbeispiele.
Oxford University Press, 2013. Taschenbuch: 13.99 Euro

ISBN: 978-0-19-977926-0


Peter Elsdon ist Musikwissenschaftler. Er unterrichtet Improvisation und Jazzgeschichte an der Universität Hull in Nord-England. Er tritt im regionalen Rahmen auch als Jazzpianist auf und hat 2001 über die Solo-Konzerte von Keith Jarrett promoviert.

Selbstverständlich enthält dieses Buch das, was man von der Arbeit eines Musikwissenschaftlers erwartet: Notenbeispiele und detaillierte Erörterungen rhythmischer, harmonischer und melodischer Faktoren.
Peter Elsdon erledigt dies auf den Seiten 80 bis 130 - das ist weniger als ein Drittel des Umfangs, und er kommt zu einem recht eindeutigen Urteil: das „Köln Concert“ ist - wie man heute zu sagen pflegt - unterkomplex.

cover-elsdon„Köln Concert“ ist bekanntlich nicht Keith Jarretts Lieblingsalbum. Sie wissen ja selbst: er hat mal gesagt, man solle alle Exemplare davon vernichten.
Ich gebe zu: es ist auch nicht mein Favorit unter den Jarrett-Alben.
Mich hat beim Schreiben interessiert: inwieweit unterscheidet sich die Musik des „Köln Concert“ von der Musik seiner anderen Solo-Alben aus dem gleichen Zeitraum?
Im „Köln Concert“ gibt es zahlreichen Passagen, die auf vamps oder riffs beruhen. Im ersten Teil gibt es eine sehr lange Strecke, wo Jarrett im wesentlich nur zwischen zwei Akkorden wechselt - G-Dur und a-moll. Das geht so über ungefähr 10 Minuten.
Er hat später einmal gesagt, dass ihm damals gar nicht bewusst war, dass das zu viel war, dass er - wenn er sich das heute anhört- damals zu lange dieses Muster verwendet habe.
Und mir scheint, das „Köln Concert“ ist für viele Hörer sehr zugänglich, eben wegen dieser langen Passagen, wo harmonisch nicht viel passiert. In anderen Konzerten aus jener Zeit bringt er viel mehr Material zum Einsatz, die Konzerte bewegen sich viel mehr als das „Köln Concert“.
Damit kann man nicht vollständig erklären, warum es so anders, warum es so populär ist. Ich halte es aber für interessant und bedeutsam.
(Interview am 11.09.12 in Oxford)

„Köln Concert“ gehört - zusammen mit Miles Davis´ „Kind of Blue“, Herbie Hancocks „Headhunters“ sowie Dave Brubecks „Time Out“ - in die erste Liga der Jazz-Bestseller: sie alle haben eine Auflage von rund 3.5 Millionen Exemplaren erzielt.
Allein die Verkaufszahlen aber - betont Peter Elsdon - erzählen herzlich wenig. Das „Köln Concert“ nämlich sticht alle andern aus im Hinblick auf seinen Kult-Status.
Oder - wie er es formuliert - das „Köln Concert“ ist „ein Ort, wo sich verschiedene Erzählungen überkreuzen und von wo aus sie zeitlich vor- und zurückverfolgt werden können" (S. 7).
Da ist zu allererst der Riesenkomplex „Improvisation“, das spontane Erfinden von Strukturen im Moment, vor Publikum, das angeblich in diesem Moment nicht mehr weiß als der Künstler. Am Beispiel des „Köln Concert“ ist es zur „Ideologie“ ausgeufert.
"Es ist verlockend zu glauben, der Improvisierende fungiere in eine kreativen Vacuum. Dass ihm alles in dem einen Moment einfällt und auch das nur ein einziges Mal...Was die meisten von uns nicht sehen, sind die täglichen Vorbereitungen und Rituale, die in die Art einfliessen, wie der Musiker spielt" (S. 65).
Allein zu wissen, ein Stück sei improvisiert, formt Erwartungen und Bewertungen: "Ein simpel gemachtes Stück, von dem wir wissen, dass es improvisiert ist, wird als als beeindruckender empfunden als wüssten wir, es sei komponiert" (S. 127).
Nicht alles ist neu bei Elsdon; z.B. stützt auch er sich auf die schon länger bekannte Beobachtung, dass die Zugabe des "Köln Concert", der Teil IIc, keineswegs improvisiert ist, sondern identisch mit Jarrett´s Song "Memories of Tomorrow". Er belegt das Faktum mit Jarretts damaliger Praxis, in den Zugaben auf feste Strukturen sich zu verlassen. Der große Diskurs, den Elsdon zu vielen Fragen der Improvisation entfaltet, gehört - obwohl er die Erkenntnisse der Neurowissenschaften nicht streift - zu den absoluten Stärken des Buches.
Dann: der Künstler als Solist, noch dazu einer, der gegen widrige Umstände ankämpft - es ist das Bild eines Genies wie im 19. Jahrhundert.
Aber vor allem: die Rezeption dieses Albums, sein Vermächtnis, seine Legende: Hat man je davon gehört, „Kind of Blue“, „Headhunters“ oder „Time Out“ wären als Hintergrundmusik eingesetzt worden? auf Beerdigungen? wären im Zusammenhang mit New Age aufgetaucht?
Ich war verblüfft zu erfahren, in wie vielen Romanen das „Köln Concert“ die Protagonisten als akustische Tapete begleitet.
Mit anderen Worten: „Köln Concert“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine Musik durch die Anwendung ihrer Hörer von den Absichten des Musikers sich löst.
Übrigens: das Wort „Manipulation“ fällt auf 170 Seiten kein einziges Mal; Elsdontritt als Beobachter auf, als Rechercheur - nicht als Ankläger.
Ich bin sicher: Wer dieses Buch gelesen hat, der hört anders: das „Köln Concert“ - und auch jede andere Musik!

erstellt: 15.02.13
© Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten