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WOLFGANG SANDER
Keith Jarrett. Eine Biographie
Berlin 2015, Rowohlt Berlin
361 Seiten, 22.95 Euro
ISBN 978-3-87134-780-1

Einem Biographen, sagt Wolfgang Sandner auf der LitCologne, könne eigentlich nichts Besseres widerfahren, als sich vor Abschluss des Manuskriptes mit dem zu Porträtierenden zu überwerfen - der Autor sei dann befreit von Rücksichtnahme.
Der frühere FAZ-Redakteur spricht über sich selbst. Und es war ein tiefer Fall, denn Sandner ist weiter als die meisten Journalisten zum Objekt seines Interesses vorgestoßen: vom Händedruck beim Kennenlernen Anfang der 70er (eine Seltenheit in Jarrett´s Verhalten, wie er auf der Schnurren-reichen LitCologne-Präsentation erzählt) bis zu einer Einladung samt Übernachtung in Jarrett´s Haus in Oxford/New Jersey im Oktober 1987; der vierseitige Epilog handelt davon.
Sandner triumphiert nicht über diese Audienz, er spricht in verhaltenem Reportage-Ton, auch den Bruch mit Jarrett auf der dritten Textseite, den er dem Buch damit quasi voranstellt, schildert er mit Noblesse und einem gewissen Verständnis.
Keith Jarrett war informiert über die Biographie und habe Interesse & Wohlwollen gezeigt, „bis es bei einer öffentlichen Feier nach einem seiner Solokonzerte zu einem kuriosen Disput zwischen uns über das Köln Concert kam. Dass ich dieses Konzert als einen seiner großen Erfolge bezeichnete, löste sein ausgesprochenes Missfallen aus und brachte unseren Dialog zum Erliegen.“
Auch ein Vermittlungsversuch von Manfred Eicher, Jarrett´s Verleger bei ECM, sowie das nicht nachlassende Interesse des Biographen fruchteten nicht - der Künstler erschien zu einem erneuten Treffen nicht.
Wer sich im Umgang mit einem so hypersensiblen Künstler anzupassen habe,
und was so alles zu dessen Verhaltensrepertoire zählt, das machte Sandner auf der LitCologne weitaus deutlicher als im Buch.
Er tritt nicht nach, Sarkasmus ist ihm fremd, Keith Jarrett ist für ihn Schöpfer einer Musik, „die es verdiente, in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen zu werden.“
Sandner schreibt elegant, holt mitunter weit aus, er ist belesen und musikalisch gebildet, insbesondere das Kapitel 11 „Der Jazzmusiker als Klassiker“, über Jarrrett´s Arbeit auf den Feldern der abendländischen Tradition, profitiert davon.
Es ist beinahe so etwas wie der Sound von Joachim-Ernst Berendt, den er in die deutsche Jazzpublizistik zurückbringt - verschlankt, ohne Pathos a la JEB. Das heisst aber auch, es passieren Gedanken im wohligen Strom des Erzählens, die wert wären, herausgefischt und genauer untersucht zu werden.
Ein solcher Gedanke ist der des free playing, den Sandner häufig und positiv von Jarrett übernimmt. In der extremen Form steckt jenes „ich trete nackt vors Publikum“ (Jarrett) darin, also das freie Fabulieren am Piano, das Erfinden aus dem Momente heraus, die Improvisation ohne Planung.
Bei Sandner wird daraus ein „musikalisches Gedächtnis ohne Erinnerung“, auch spricht er davon, dass Jarrett „völlig ungebunden phantasiert“ oder ein „Improvisator (sei), der keine Ideen nötig hat.“
Besonders prekär wird der Mangel des Hinterfragens der Praktik Improvisation in Kapitel 9 („Die Geschichte einer Kultplatte“), das „Köln Concert“, aufgenommen am 24. Januar 1975 in der Oper Köln (Anlass dieses Buches ist nicht dessen 40. Jahrestag, sondern der 70. Geburtstag von Keith Jarrett am 8. Mai 2015).
cover sandnerNichts dagegen, dass Sandner Begeisterung verströmt, wohl aber gegen den Cappuccino-Schaum, den er überdosiert aufsprüht:
Künstler anderer Genres hätten diese Musik verstanden „als Zeichen des freien Geistes gegen den Zynismus des Kunstmarktes und die Beliebigkeit einer Dekors-Kunst, auch als Gegengewicht zur Kommunikationslosigkeit der Moderne“ (apropos Dekors-Kunst, hat Sandner nicht den Sketch von Wiglaf Droste gehört?).
Solche schweren Zeichen hätte man gern unterfüttert gesehen durch Zitat-Belege, auch für die Behauptung, die Psychoanalyse habe für die Form des freien Improvisierens den Begriff „schwebende Aufmerksamkeit“ gefunden.
Tatsächlich zitiert wird in diesem Kapitel Peter Elsdon, der einen ganzen Band über das „Köln Concert“ geschrieben hat - übernommen wird von ihm freilich nur die Lappalie, dass „Köln Concert Part IIc“ keineswegs improvisiert, sondern ein Jarrett-Song namens „Memories of Tomorrow“ sei.
Elsdon´s Durchleuchtung der Improvisations-Praxis macht Sandner sich nicht zu eigen, ganz zu schweigen von Hinweisen auf die neurowissenschaftliche Improvisationsforschung.
Die brächten nicht sogleich das prospektive „UNESCO-Weltkulturerbe“ zum Einsturz, könnten aber etwas über seine Voraussetzungen mitteilen.
Etwa so, wie Sandner die leidige „Huster-im-Konzert“-Frage durchaus Künstler-kritisch als „Überreaktion“ sieht, und sie vorsichtig zurückführt auf das „Pulverfass“ der Familie Jarrett in Allentown/Pennsylvania, „wo zwei Söhne gleichzeitig übten oder Keith sich am Klavier in ein Werk vertiefen wollte, während um ihn herum seine Brüder und die Mutter agierten (...)zumal zu Zeiten auch noch ein Hund um das Klavier herumschwänzelte.“
Sandner schildert das Leben des Keith Jarrett chronologisch und spart sich eine Deutung für das vorletzte Kapitel auf. Dort blättert er zunächst die Rollen des Künstlers auf eineinhalb Seiten in Superlativen auf und kommt dann zu einer recht plausiblen „Theorie“: „Keith Jarrett ist der Neinsager schlechthin.“ Seine Haltung sei „immer die eines Opponenten“.
„Wäre Keith Jarrett ein Jasager, sähe aber auch seine Kunst anders aus, sie wäre nicht annähernd so attraktiv, wie sie ist.“
Obwohl dies keine wissenschaftliche Theorie ist (was der Autor auch nicht behauptet), sie mithin also nicht falsifiziert werden kann, hätte ein wenig mehr Dialektik diesem Kapitel gut getan. Beispielsweise durch die Überlegung, warum der „Opponent“ Jarrett bei der Missbilligung seines „Köln Concert“ auf halber Strecke stehen bleibt („Man sollte alle die Aufnahmen einstampfen“, Der Spiegel 42/1992) und nicht tatsächlich die weitere Verbreitung unterbindet.
So etwas würde dann wohl in einer kritischen Biographie verhandelt. Dies ist eine wohl-formulierte Musikbeschreibung, eine gut lesbare Biographie - ohne jenes Adjektiv.

erstellt: 02.04.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten