GRAHAM BENNETT
Soft Machine. Out-bloody-rageous,
414 S., SAFPublishing Ltd., London 2005
www.safpublishing.com
ISBN 0-946719-845


Graham Bennett, heute 58 Jahre alt, wurde zum Soft Machine Fan am 18. Februar 1969. An diesem Tag geht er zu einem Konzert von
Jimi Hendrix in die Royal Albert Hall in London. Aber, er bleibt bei der Vorgruppe hängen, die er nie zuvor gehört hatte - Soft Machine.
Jimi Hendrix Experience und Soft Machine in einem Konzert -
those were the days my friend!
34 Jahre später sitzt Bennett in einem Studio in Kent, in der Provinz, süd-östlich von London, und interviewt Hugh Hopper, den prägenden Bassisten der Band - Auftakt der Recherchen zu einer Biographie über Soft Machine, "Out-bloody-rageous".
Der Titel ist identisch mit einer Komposition des Soft Machine Organisen
Mike Ratledge aus dem Jahre 1970, ein Wortpuzzle, das wohl mit "verdammt widerwärtig" zu übersetzen wäre.
Widerwärtig ist nichts an dieser Band, weder an ihrer Musik noch an ihrer Geschichte. Aber selbst wer sich - mit dem Buchautor - als "Fan" dieser Musik bezeichnet, wer also Soft Machine zu kennen glaubt -, der wird überrascht, ja verblüfft sein zu erfahren, von wievielen Zufällen, Absurditäten und Paradoxien dieses grosse Kapitel britischer Jazz- und Rock-Geschichte begleitet war.
Dabei hätte es schon nach zwei Jahren, im Winter 1968, beendet sein können: das Trio Mike Ratledge - Kevin Ayers - Robert Wyatt hatte sich - vollkommen ausgelaugt nach einer
US-Tournee - bereits aufgelöst...da ruft die Schallplattenfirma, zeigt sich von der gerade veröffentlichten ersten LP begeistert und besteht auf ihrer Option einer Nachfolgeplatte.
"Einmal abgesehen von den ersten drei Jahren", schreibt Bennett, "war Soft Machine niemals eine glückliche Band." Das scheint aus Mike Ratledges Bemerkung destilliert, nur bis "Third" (1969/70) habe er in der Band wohlgefühlt (ausgeschieden ist er aber erst 1976). Bennett hält sie eher denn auch eher für "ein work in progress" denn für eine Band, die eine "kohärente Identität" über 18 Jahre entwickelt habe.
Mehr noch, die Band befand sich - laut Bennett - "den grössten Teil ihrer Geschichte in einem
Bürgerkrieg mit sich selbst oder in einem brüchigen Waffenstillstand; und gleichwohl hat sie innovative Musik produziert, von der auch heute noch vieles zu inspirieren vermag."
Der Autor,
Graham Bennett, geboren in London, lebt heute in Holland; er arbeitet als promovierter Umweltberater, hat diverse Bücher zu nicht-musikalischen Themen geschrieben und dieses hier - wie gesagt - aus einer Fan-Perspektive.
Man findet nicht eine Seite in diesem Band, wo dies als nachteilig sich erweist. Denn Bennett ist ein
kritischer Fan; sein Buch gut aufgebaut, glänzend geschrieben und sehr umfassend recherchiert. Wohltuend der Verzicht auf pseudo-politisches Wortgeklingel, denn selbstverständlich ist dies auch eine Geschichte einer bestimmten Region in den sixties.
Das Buch enthält eine komplette Discographie, eine Auflistung sämtlicher Konzerte, Fernseh- und Radioproduktionen aus 18 Jahren - und - last not least - ein paar aufschlussreiche Seiten über das, was die Soft Machinisten nach Soft Machine so treiben.Darunter ein weiteres Paradox: das musikalisch wohl bedeutendste Mitglied, Mike Ratledge, hat offenbar das Musizieren vollständig eingestellt und sich gänzlich anderen Tätigkeiten zugewandt, etwa der Recherche eines so wundersamen Themas wie "Gesichtshaar".
Graham Bennet rät uns - in typisch
britischem Humor, wir sollten nicht überrascht sein, wenn Ratledge demnächst als Linksaussen bei Manchester United auftauchte.

erstellt: 20.09.06
© Michael Rüsenberg, 2006, Nachdruck verboten