Na bitte, geht doch!
Nachdem Django Bates am Eröffnungsabend des 47. Deutschen Jazzfestivals völlig aus der Rolle gefallen war und die HR Big Band in puncto Sgt. Pepper zu einer besseren Coverband degradiert hatte, brachte Julia Hülsmann im Finale das Thema wieder ins Lot:
10 Beatles-Songs (keiner von Sgt. Pepper), kundig auseinandergenommen und mit enormen Überraschungsmomenten wieder zusammengesetzt - Django´s ureigenes Motto arranging the hell out of something wurde vom Hülsmann-Quartett (ausgenommen der Gast-Gitarrist Ben Monder) mit großer Rafinesse angewandt.
Dabei setzt es stellenweise einiges voraus; wer erinnert sich noch, dass „You´ve got to hide your love away“ (aus „Help“, 1965), ein „hey“ vorangeht?
Hulsmann Quartett 1
Theo Bleckmann
baut fast sein ganzes Arrangement auf diese eine Silbe, multipliziert sie mit seinen delays und schwingt sich auf diesen Vokalteppich.
(und düpiert, ohne es zu wollen, den vorherigen Programm(Tief)punkt, wo Frankfurter Einfaltspinsel den "ausgezeichneten" Schriftsteller Bodo Kirchhoff einen Text deklamieren lassen, um diesen dann später in Echoschleifen durch eine Frisörmusik zu spülen. „Organic Electro“ entpuppte sich einmal mehr als Vorwand, Pappakkorde zu verwenden, die kein Jazzmusiker auf „akustischen“ Instrumenten sich mehr anzuschlagen traut.
Geradezu frivol, dass eine solche Truppe die Bühne betreten darf, auf der einst Heiner Goebbels & Alfred Harth das Verhältnis von Text & Musik neu vermessen haben.)

Hulsmann solo 1Julia und ihre Hülsmänner also machen´s wie Django; sie delegieren die Kenntnis des jeweiligen Song-Rahmens an das kollektive Gedächtnis ihrer Zuhörer, und sind befreit für die wundervolle Aufgabe, mit Partikeln daraus zu jonglieren.
Sie muss nicht mal mehr alle Titel ansagen („den nächsten erkennen Sie ganz bestimmt“), man arbeitet mit, sitzt auf der Vorderkante des Stuhles, wenn ein Klavierlauf sich eben doch nicht als Intro zu „A Day in the Life“ herausstellt, sondern zu „Yesterday“.
Das herrische Schluss-Riff von „I want you“ lässt sie ganz leis´ anklingen und verlegt es u.a. in Monder´s Gitarre, das prollige „Come together“ entschwebt schließlich bitonal.
Nun gut, es wäre schön, müsste Theo Bleckmann die Texte nicht ablesen, er könnte dann mehr Drama in seine Performance legen.
Dies ist halt ein Festival-Projekt, mit bestenfalls ein, zwei Konzerten Vorlauf - und geringen Chancen, es so bald wieder zu hören, und sei es als Konserve.
Die Produktion der nächsten Hülsmann-CD (VÖ im März 2017) ist längst gelaufen, und ein weiteres ihrer Festival-Projekte lebt einstweilen nur in der Erinnerung, Moers 2014, u.a. mit Bleckmann und Hayden Chisholm.

 erstellt: 30.10.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten
Fotos: hr/Sascha Rheker