In Berlin pumpt sich gerade einer auf, eine Art Botschafter des deutschen Jazz zu werden.
Er ist gut vorangekommen dabei. Als Anfang Mai 2016 Barack Obama Jazzmusiker ins Weiße Haus lud, die üblichen Verdächtigen von Brian Blade bis Trombone Shorty, war er dabei, als einziger Deutscher.
Und bevor der scheidende US-Präsident auf seinem Abschiedsbesuch bei Angela Merkel Platz nehmen konnte zum Dinner, blies er ein Ständchen, „Take Five“.
Till Brönner ist der Titel kaum noch zu nehmen, und sollte er das „House Of Jazz“ in Berlin dereinst einweihen, wird er als der Leuchtturm des deutschen Jazz erstrahlen, der seit dem Tod von Albert Mangelsdorff erloschen ist.
Das geringste Problem für ihn, der in Berlin und LA residiert: dass man ihn szene-intern, in Deutschland, eher als US-Gesandten wahrnimmt und seinen Botschafter-Status ähnlich glaubhaft einschätzt wie den von „Toni Erdmann“ in Bukarest.
Derweil wächst, gleichfalls in Berlin, eine ganz andere Begabung heran.
Ambitionen auf den Titel sind ihr nicht anzumerken (wahrscheinlich prustet sie vor Lachen, wenn sie diese Zeilen liest…), höchstwahrscheinlich hegt sie diese gar nicht.
Julia Huelsmann 1
Und doch; der beiläufige Charme, mit dem sie in Erscheinung tritt, die nahezu private Art, in der sie Zuhörer anspricht (etwa in Frankfurt, wie sie die Abfolge ihrer Beatles-Bearbeitungen erläutert, oder, in Ludwigshafen, bei der Verleihung des SWR-Jazzpreises 2016, wie sie auf die Anwesenheit eines Kritikers aus der eigenen Familie, ihren 13jährigen Sohn, hinweist) - es menschelt, wenn Julia Hülsmann dem Publikum sich zuwendet.
Und man reagiert keineswegs mit Reflexen der Abwehr, sondern berührt, ja gestärkt in der Hoffnung, dass - würden nur mehr ihrer KollegInnen so dem Auditorium sich zu erkennen geben - die Ränge dort besser besetzt wären.
She does it - with a smile.
Auch diplomatische Erfolge waren ihr dabei beschieden. Brönner mag im Weißen Haus geblasen haben - Hülsmann hat das Publikum in Bischkek gerockt.
Das liegt nicht im Regierungsbezirk Münster, und der Berichterstatter ist nicht ein Reporter der Bäckerblume, sondern Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.


Die Jazzpolizei weiß, dass sie in dessen Entourage bei einem Südamerika-Besuch war, aber in einem Gespräch mit Daniel Barenboim (Tagesspiegel, 7.12.16) berichtet Steinmeier über eine weitere Reise, nach Kirgisien:
„Abends sind wir in der Hauptstadt Bischkek in eine Jazzkneipe gegangen. Julia Hülsmann hat sich ans Klavier gesetzt und alle Anwesenden mitgerissen. Was sich den Kirgisen über die Musik erschlossen hat, war vielleicht mehr und etwas viel Tieferes als das, was am nächsten Tag in den Zeitungen gestanden hat.“

 erstellt: 08.12.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten