Was FreeJazz heute sein kann, und worin er sich von der monochromen Raserei der Altvorderen abhebt, dieses Bild ergab sich beim 26. Jazzfestival Münster, im Kleinen Haus des Stadttheaters, Sonntags nachmittags zur besten Kaffeetrinkenszeit:
Draksler/Eldh/Lillinger, hervorgegangen aus den mehr oder weniger spontanen Gruppen-Kombinationen beim October Meeting 2016 in Amsterdam.
Dies war ihr erstes regelrechtes Konzert.
Und die Jazzpolizei meint: ein ganz starker Auftakt des Jahres 2017. Alles, was sich in den kommenden 12 Monaten als „Innovation“ ausgibt, wird sich daran messen lassen müssen.

Draksler Trio 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Kaja Draksler,
29, die slovenische, in Amsterdam lebende Pianstin ist das expressive europäische Pianojazz-Talent der Gegenwart. Sie zu loben, ist der Gruß all derer, die sie erlebt haben.
Wobei - das macht sie umso fassbarer - sie auch Grenzen zeigt, beispielsweise im Zuammenspiel mit einer portugiesischen Trompeterin, deren Name der Jazzpolizei gerade im Moment entfallen ist, im September im Stadtgarten Köln.
Wenn sie aber starke, gleichwertige Partner hat, kann man nur rufen:
Halleluja! Was ist denn hier los?
Die Dringlichkeit, die von der Rhythmusgruppe Petter Eldh, b, 33, Christian Lillinger, dr, 32, ausgeht, ist schwerlich zu überbieten. Sie ähnelt dem Alarm, den sie bei Amok Amor ausgibt - nur, dass sie sich hier auch Momente der Kontemplation erlaubt.
Ihre Piano-Partnerin hat ihr Studium in Groningen mit einer Arbeit über Cecil Taylor abgeschlossen und in New York Unterricht bei Jason Moran und Vijay Iyer genommen. Die Jazzpolizei nimmt diese Eckdaten dankbar zum Anlass, um wenigstens allergröbst anzudeuten, wohin die Reise geht (wobei sie, im Gegensatz zu Taylor, keine Cluster spielt).
Sie hat eine sehr eigene Art, Kleinmuster zu wiederholen, immer eminent rhythmisch akzentuiert.
Sie schaut viel auf´s Papier, und man weiß nicht: ist das habituell oder spielt sie wirklich vieles vom Blatt?
Lillinger beschwert sich derweil bei der Lichtregie, dass er, als die Bühne in tiefes Blau getaucht ist, kaum noch vom Blatt lesen kann.
Auch das, findet die Jazzpolizei, eine herrliche Lektion für all jene, denen bei der Beschreibung des Jazz nach dem Begriff „Improvisation“ das Vokabular ausgeht.
Jazz ist eben auch komponierte Musik - aber wie sie klingt, über welche expressiven Eigenschaften sie verfügt, vor allem über welche Formen der Interaktion, darin hebt sie sich von allen anderen Gattungen ab.
Danke Draksler/Eldh/Lillinger!

erstellt: 09.01.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten