Ok, ok, wir sind ein wenig spät dran.
Fast hätten wir bei der täglichen SZ-Lektüre diese Lektion übersehen. Aber sie ist einfach zu schön, um der alten Weisheit anheim zu fallen („nichts ist älter als die Zeitung von gestern“).
Wieder einmal wird von München aus die Jazz-Historie richtig durchgeschüttelt.
Auslöser irjenswie ist erneut Kamasi Washington, der neue Jazzheiland aus ElÄy, wenn auch nun in der Person seines Bassisten Miles Mosley.
Der Münchner Feuilletonchef also wird in einem Hipsterclub in Berlin Zeuge, wie Mosley seinen Kontrabass behandelt „wie ein Extremsportler sein Brett, Rad oder was auch immer die Lebensgefährdung der Wahl wäre.“ (SZ 19.05.17)
Das muß so furchterregend gewesen sein, dass der Feuilletonchef Tage später erst wieder richtig durchatmen kann.
Atemnot im Club aber, das weiß ein jeder, nicht nur aus Hipsterlokalen, geht häufig einher mit Gedächtnisverlust, und immer im Sektor Jazzgeschichte.
Als der Feuilletonchef also wieder schreiben kann, bedauert er, nicht „in den Fünziger- und Sechzigerjahren jung gewesen zu sein“.
Warum?
„Damals, als der Jazz nicht nur musikalische, sondern auch technische Grenzen ausreizte.“
Wenn wir den Feuilletonchef richtig lesen, ist also danach nichts mehr geschehen in dieser Hinsicht. Oder er war nicht dabei. Oder es geschah nicht in einem Hipsterclub, in Berlin.
Es bedurfte also mehrerer Jahrzehnte. Es bedurfte Miles Mosley.
Obwohl: „Seine Musik ist streng genommen auch kein Jazz, sondern Soul…“


erstellt: 25.05.17
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