Die Überschrift ist dergestalt, dass man sogleich die gesamte Neurowissenschaft alarmieren möchte, voran den kritisch über sie wachenden Philosophen Thomas Metzinger in Mainz.
Sie verrät eine Erkenntnis direkt aus dem Großfeuilleton.
„Er liest Gedanken noch besser als Noten“.
Wolfgang Sandner porträtiert dergestalt den deutschen Jazzpianisten Michael Wollny (FAZ, 27.09.17), als gäbe es keinen zweiten. Als Kronzeugen dienen diverse deutsche Konzerthäuser, die den fraglos talentierten & vielseitigen Pianisten & Jazzprofessor mit Aufträgen überhäufen.
Da diese ebenso fraglos nicht den Kern der Jazz-Legitimation hierzulande repräsentieren, holt der Autor zu einem Synkopenflug aus und beschreibt den Jazz noch einmal als solchen („synkopierter Viervierteltakt mit alterierten Akkorden/tendenziell nicht stubenrein, nicht bürgerlich, nicht angepasst/…immer auch Rebellion…“).
Man fühlt sich erinnert an den großen Entertainer Peter Frankenfeld (1913-1979), der gelegentlich mit dem Motto „Es sind Kinder im Saal, wir wollen es allen erklären“ zu einem ähnlichen Sprung ansetzte, aber sogleich, nach dem ersten Gelächter, seinen Vorsatz verschwinden ließ.
Also, Gedankenlesen.
Sandner wendet ein Zitat von Jan Garbarek („Er könne Gedanken lesen“) auf Wollny an:
„In dieser Musik waren die Gedankenleser immer wichtiger als die Notenleser. Und auch Michael Wollny hat weniger aus den schwarzen Punkten auf fünf mageren Linien herausgelesen als aus den üppigen Geschichten, die andere ihm auf ihren Instrumenten erzählten und die er mit seinen eigenen Geschichten ergänzte“.
Sandner verwechselt hier seine in der Tat schöne Metapher mit einer doch recht alltäglichen Praxis: üppige Geschichten anderer, instrumental erzählt, weiter spinnen.

Das können viele. Und man möchte fragen, ob der Talentzug Nr. 1 von Michael Wollny, seine Vielseitigkeit, damit annähernd erfasst ist.
Die Überschrift jedenfalls erzählt nichts davon. Der diensthabende Redakteur hat ganz einfach den Inhalt „aufgebrezelt“, wie wir sagen würden; oder „hochgejazzt“, in der Sprache des Großfeuilletons.

erstellt: 28.09.17
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