Zunächst war da … der Schnäuzer.

Gerade erst hatte ein anderer John, ein sehr glatt rasierter, die Grenzen des Genres verschoben, da musste sich die Jazzrock-Gemeinde an den nächsten John gewöhnen.
JOhn AbercormbieAn den mit dem Schnäuzer; sehr dunkel eingangs, später in unmerklichen Veränderungen, ins in Graue, ja ins Schlohweiße sich tönend.

Und man ist versucht, den langen Bogen dieser Farbausbleichung ins Analog zu setzen zu den gestreckten Linien seiner Soli, die sich doch sehr von dem staccato des anderen John absetzen.

Obwohl, anfangs, bei Barry Miles 1972 beispielsweise, später auch bei Billy Cobham, hatte dieser John das kurze feedback, die schreienden Linien durchaus auch im Programm.
Dies gilt vor allem für sein erstes eigenes Album, „Timeless“, 1974, ein ganz großer Wurf, nomen est omen, ein zeitloser Jazzrock.
Mindestens zwei Stücke zucken McLaughlin-esk, „Lungs“ und vor allem „Red Orange“, beide geschrieben von Jan Hammer. Wenn heute Hudson sich in die Nachfolge von Tony Williams Lifetime (1969) stellt, möchte man darüber lachen: John Abercrombie, 1974, mit der nervösen Hammer-Orgel im Nacken - das war Lifetime-Nachfolge!
Das Album enthält in nuce alles, was in Jahrzehnten später hinzutrat:

den „akustischen“ Gitarristen („Love Song“  und „Remembering), den Jim Hall-Einfluss in „Ralph´s Piano Waltz“, hier mit Orgel statt Piano gespielt, ein Stück, das über Jahre immer mal wieder hervorholte.
Mag er auch den Synthesizer gelegentlich hinzugeschaltet haben - sein Ton wurde schlanker; in Quartetten (u.a. mit Peter Erskine, Marc Johnson, zuletzt Marc Copland, Drew Gress und Joey Baron), im Orgeltrio (mit Dan Wall), immer mal wieder mit Jack DeJohnette.

In kleinen Besetzungen fühlte er sich wohl.
Geboren am 16. Dezember 1944 in Port Chester/NY, fand er über den Gitarristen Barney Kessel zum Jazz. Er hat relativ lange am Berklee College of Music in Boston studiert, 1962-67. 1969 zog er nach New York und gehörte alsbald zu Dreams, einer Vor-Gruppe der Brecker Brothers.
Neben fast 40 Alben als leader hat er auf zahlreichen als sideman mitgewirkt, von Gato Barbieri bis Kenny Wheeler.
Er hat eine distinktive Stimme auf seinem Instrument.
Im Frühjahr hatte er einen Schlaganfall erlitten, am 22. August 2017 ist John Laird Abercrombie an Herzversagen gestorben, er wurde 72 Jahre alt.

erstellt: 23.08.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten