Münchner G´schichten der Jazzgeschichtsphilosophie (17)

Parellelgesellschaften.
Da denkt man unwillkürlich an Neukölln. Und man muß sich gar nicht mal dorthin hinbegeben, einige aus diesem Kreis habe es bis zur Serienreife im TV gebracht.
Wie kommen wir auf Parallelgesellschaften an dieser Stelle?
Wenn wir die geliebte SZ lesen, aber nur wenn es um Jazz geht, meinen wir nicht selten, Mitteilungen über Vorgänge in unserer kleinen Welt zu lesen, als stammten diese aus Parallelgesellschaften.
Und heute berichtet die SZ über eine, die wo ansässig ist?
 Richtig, in Neukölln!
Haben Sie schon mal von Ralph Heidel, von Karaba, von Niklas Wandt (ja von dem schon, der moderiert bei WDR3), von Kaope, Karl Hector & The Macouns oder von J.J. Whitefield gehört?
Sie alle und etliche mehr publizieren auf dem Kryptox Label.
Das Label wird gemacht von Mathias Monica, früher Marseille, jetzt Neukölln.

Wenn man sich das anhört, zum Beispiel den jüngst veröffentlichten Sampler „Kraut Jazz Futurism 2“, dann fragt man sich, wieso das, was dort erklingt, völlig unberührt ist vom ganzen deutschen Jazzdiskurs, wie er sich in den Magazinen, in den 18 deutschen Jazz-Studienstätten, am Jazzinstitut Darmstadt, in den verbleibenden seriösen Radiosendungen zeigt.
Nun könnte es ja durchaus sein, dass die vielen, die sich - sehr unterschiedliche - Gedanken machen über Jazz in Deutschland, etwas Wichtiges überhört haben.
Tatsächlich klingt vieles aus dieser Parallelgesellschaft, als habe jemand ein paar alte Kartons mit Bändern aus der Londoner Clubszene entstaubt und digitalisiert (aber nur die zweite Reihe von damals).
Die SZ begrüßt die Aktivitäten des Herrn Monica, als säßen alle anderen in diesem Lande untätig herum:
„…es war schon lange fällig, dass sich jemand um den neuen Jazz kümmert, der da aus der Mitte Europas kommt und ein ähnlich klares und gleichzeitig offenes Profil hat wie in London, Los Angeles oder New York.“
Ja, haben- pardon, sind wir denn alle auf den Ohren gesessen?
Und was der Herr Monica sagt (die SZ meint, „er bringt es auf den Punkt“), ist wirklich Bombe:
„Es gab schon immer Jazz mit Walking Bass und Jazz mit ostinatem Bass."
Wie gesagt, Nachrichten aus einer Parallelgesellschaft.
PS: Der Spiegel (Nr 13/2021) äfft nach: er will auf der Compilation gehört haben:
"...dass sich mit Maschinen spielen lässt, dass weniger in der Musik of mehr ist und dass Jazz eine Musik sein kann, für die es eine Tanzfläche braucht."
Wie alt ist der Jazz nochmal?

erstellt: 23.03.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten


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