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KUU! Lampedusa Lullaby *******

01. Impossible (Kalima), 02. Lampedusa Lullabye (Klima), 03. Scream (Kalima, Möbus, Lillinger, Kuljic), 04. On the Mountain (Kalima), 05. Crossing the Border in a Milk Truck (Kalima, Möbus, Lillinger, Kuljic), 06. About Death (Kalima), 07. My Eyes are blind (Kalima, Kuljic),  08. Thank you Iceland (Kalima, Möbus, Lillinger, Kuljic), 09. We watch them fall (Kalima)

Jelena Kuljic - voc, Kalle Kalima - g, Frank Möbus - g, Christian Lillinger - dr

rec. 2016-2017

ACT 9857-2

Nachdem Schneeweiß & Rosenrot sich in alle Himmelsrichtungen verstreut haben (und beachtliche bis erstklassige Projekte durchführen; man denke nur an den ubiquitären Petter Eldh), ist im Hörraum mitteleuropäischer Jazzfans im Grunde eine „Planstelle“ frei: Rockmusik, handgefertigt von Jazzmusikern.
Denn das mögen wir doch: das Rohe, das scheinbar Unmittelbare, mit einem Schuß Verruchtheit, dies alles vor der Folie einer andernorts erworbenen, „höheren“ Legitimation.
Wir mögen es, wenn Kunstmusiker mal für einen Moment die Hosen runerlassen und mit Niveau Felder bewässern, wo wir es normalerweise nicht erwarten bzw. nicht entdecken.
In dieser Hinsicht hat dieses Quartett mindestens zwei Asse im Ärmel.
Voran der wohl größte Innovator des europäischen Jazz-Schlagzeugspielens, Christian Lillinger. Hier gibt er, was wir uns immer schon gewünscht haben, den Punk.
Künstlerisch sicher nicht so exponiert, aber vom Imagewert unschlagbar ist Jelena Kuljic, 1976 geboren in Serbien.
„Sie ging zum Jazzstudium nach Berlin“, heißt es; seit 2015/16 aber verfügt sie über eine astreine bildungsbürgerliche Beglaubigung, denn seit der Intendanz von Matthias Lilienthal gehört sie zum Ensemble an den Münchner Kammerspielen.
Kuu! tut gut daran, sich nicht zu sehr auf die Sangeskünste von Jelena Kuljic zu verlassen, die nicht selten als Sprechgesang erfolgen.
Kalle Kalima und Frank Möbus verfolgen durchaus eine eigene Agenda. Man vermisst einen Bassisten nicht, die Gitarristen einigen sich auf eine schöne Arbeitsteilung: auch wenn einer soliert, läuft der andere im Hintergrund immer mit einem pattern mit.
cover KuuEin erster Höhepunkt ihrer eng verzahnten Linien offenbart sich in „Scream“, wo sie hochtourige patterns plötzlich auf ein vamp in weitaus niedrigerem Tempo stürzen lassen.
Der Herr Lillinger trommelt dagegen, und der Sprechgesang von Frau Kuljic erhöht das Drama.
Der Gipfel dieser Technik ereignet sich ungefähr zur Hälfte von „My Eyes are blind“. Das Stück startet balladesk, nach einem eng verwobenen Duo der beiden Gitarren kippt bei 3:52 die Stimmung.
„I hate you right now“. Jelena Kuljic deklamiert wie am Theater. Christian Lillinger gibt einen Rock-Beat vor, es ist das Signal zu einem betörenden Kollektiv, wie man es gelegentlich bei King Crimson, aber auch bei Christy Doran´s New Bag findet.
„My Eyes are blind“, Frau Kuljic steht wieder allein an der Rampe.
Licht aus, Vorhang!
Doch halt, da klingt noch was!
“Thank you Iceland“, zwei kleine Gitarrenfiguren a la Police.
Und Lillinger, der gar nicht so alte Fuchs, weiß natürlich, wie er patterns a la Stewart Copeland in die Gegenwart holt.
Einer der beiden Gitarristen pflegt einen „altmodischen“ approach, er zeigt des öfteren eine Vorliebe für Sounds aus rotierenden Lautsprechern (Leslie-Speaker). Mit einem solchen Klangdetail beginnt und schließt das Album.
„Lampedusa Lullaby“; laut liner notes meinen die vier keineswegs den Autor von „Der Leopard“, sondern die gleichnamige Mittelmeerinsel,
„als konkreter Ort der Schlepper und Migranten, des grenzgängerischen Todes und der Illegalität zur Metapher eines massenhaften krimininellen Geschäftes mit individuellen Schicksalen und des Versagens der traditionellen Politik vor neuen Herausforderungen (geworden).“
Angeblich „erzählen“ Kuu! davon.
Wir haben nix davon wahrgenommen.
Aber, wie gesagt, bei Bildungsbürgers braucht´s immer auch einen legitimatorischen Überschuss, wenn Rohes verzehrt werden will.

erstellt: 29.09.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten