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KEITH JARRETT Munich 2016 ******

CD 1
01. Munich 2016, Part I (Jarrett), 02. Part II, 03. Part III, 04. Part IV, 05. Part V, 06. Part VI, 07. Part VII

CD 2
01. Part VIII, 02. Part IX, 03. Part X, 04. Part XI, 05. Part XII, 06. Answer me, my love (Winkler, Rauch), 07. It´s a lonesome old Town (Tobias, Disco), 08. Somewhere over the Rainbow (Arlen, Harburg)



Keith Jarrett - p

rec. 16.07.2016

ECM 2667/68

Diese Produktion wäre mal wieder Anlass, die alte These von Ian Carr aus dem Keller zu holen: Keith Jarrett ist am besten, wenn die Umstände widrig.
Sekundiert von der Beobachtung des Musikwissenschaftlers Peter Elsdon aus Hull (im Interview zu seinem Buch „Keith Jarrett´s Köln Concert“, 2013):
„Fast jedes Jarrett-Konzert, das veröffentlicht wird, wird von einer Geschichte begleitet, aus welchen Gründen dieses Konzert ein besonderes war. (…) Das bedeutet nicht, dass die Geschichten falsch sein müssen, keineswegs. Aber, sie werden in einer bestimmten Absicht erzählt. Als sollte der Hörer gelenkt werden“.
So, wie die schlechte Pizza im Vorfeld und das schlechte Klavier in der Oper in mancher Erzählung des „Köln Concert“ mitschwingen, so gehört zur Rezeption dieses Konzertes aus der Philharmonie München sein Zeitpunkt: zwei Tage nach dem Terrorakt mittels Lkw in Nizza.
Dort, in unmittelbarer Nähe des Tatortes, befindet sich das Hotel, in dem Jarrett nächtigt, wann immer er sich in Europa befindet.
Selbst nach dem Empfang anlässlich seines Siebzigsten in München, Ort seines Plattenlabels ECM, flog er dorthin zurück, in ein bestimmtes Zimmer, mit einem bestimmten Bett in jenem Hotel an der Cote d´Azur.
Im Gegensatz zum „Köln Concert“ kommt die Legendenbildung zu „Munich 2016“ viel rascher auf Touren.
Das Fono Forum (12/2019) titelt eine Jubelkritik der Doppel-CD mit nichts weniger als ein „Abend der Katharsis“.
Der Autor blendet ein Faksimile seiner Konzertkritik ein (aus Fonoforum 09/16: „Wie der Jahrhundertpianist Keith Jarrett mich erfolgreich therapierte“) und beginnt nunmehr auch seine CD-Rezension auf nicht mehr überbietbare Weise:
„In seltenen Momenten kann Musik Wunden heilen. Der Abend des 16. Juli in der Münchner Philharmonie war ein solcher“.
In gar nicht so seltenen Momenten löst sich die deutsche Jazzkritik von den Fesseln der Vernunft und stellt Behauptungen auf, die sich unter keinen Umständen überprüfen lassen. Zum Glück ist es nur die deutsche Jazzkritik und niemand, der die Menschen existenziell beträfe…
cover jarrett munichNun also, Keith Jarrett 2016 im Münchner Gasteig. „Nicht wenige“, will das Fono Forum gehört haben, „sprachen danach von einem seiner besten Soloauftritte der letzten Jahre.“
Diesem Urteil zu folgen ist bei der Jarrett-Editionspraxis von ECM nicht leicht zu bewerkstelligen. Weil die Veröffentlichungen nicht chrono-
logisch erfolgen, muss näher be-
stimmt werden, was mit „den letzten Jahren“ gemeint ist.
Die letzte Veröffentlichung („La Fenice“) galt einem Konzert aus dem Jahre 2006.
Demgegenüber nimmt sich „Munich 2016“ regelrecht aktuell aus; da der Künstler zudem seit 2017 nicht mehr öffentlich als solcher in Erscheinung getreten ist, dürfte es sich obendrein um eines seiner letzten Konzerte handeln. Gegenwärtig.

Wie schon beim „Köln Concert“ (1975) funktioniert aber auch heuer wieder der alte Trick, über ein vorliegendes Keith Jarrett-Album zu urteilen, es gäbe längst bessere.
In der Tat. Jarrett hat seit längerem schon seine Improvisationen portioniert, und zwar so, dass sie sich strukturell jeweils deutlich von ihrer Umgebung unterscheiden.
Die fortlaufende Nummerierung suggeriert einen Kontext, der klingend gar nicht vorhanden ist - außer der banalen Tatsache, dass sie an ein und demselben Abend entstanden sind.
Und selbst da, wo Jarrett formal ein längeres Stück bietet, im Auftakt „Part I“, beginnt er zwar in pointillistischer Manier, wechselt aber bei 6:21 in einen Groove, den er dann bis zum Ende durchhält.
Ein Blues ist erneut dabei („Part IX“), dann ein Stück, das wie ein Standard klingt, aber keiner ist („Part III“), es gibt mehrere Balladen. Auf eine solche folgt mit „Part VII“ völlig unvermittelt ein kurzer, temporeicher Fetzer, den man als abstrakte Bebop-Skizze beschreiben kann.
So etwas wünschte man sich eher als Kulmination einer längeren Entwicklung, die über verschiedene Stationen dorthin führt. Mit anderen Worten: man vermisst die früher üblichen 20-, 30-Minuten-Stücke, die berühmten Jarrett´schen Piano-Predigten.
Sie führten durch einen Parcours voller Wendungen und Überraschungen, es stand nicht - wie heuer 2016 - der Charakter eines Abschnittes schon zu Beginn definitiv fest.
Mit nochmals anderen Worten: die Dynamik von „Munich 2016“ ist - gemessen an diesem großen Euvre - eher bescheiden, es mangelt an wirklich eindringlichen Momenten. Es mangelt an vamps.
Die erste der drei Zugaben mag zunächst wie eine besondere Geste an ein deutsches Publikum anmuten. „Answer me, my Love“ ist nichts anderes als die „amerikanisierte“ Fassung einer sehr deutschen Schnulze: „Mütterlein“, was dann zu „Glaube mir, glaube mir, meine ganze Liebe gab ich dir“ von Gerhard Winkler (1906-1978) und Fred Rauch (1909-1997) mutierte, letzterer lange Jahre BR-Moderator, der aber auch Kabaretttexte für Werner Finck geschrieben hat.
Keith Jarrett wird nicht wissen, dass Interpreten wie Maria Mucke oder Rudi Schuricke in den 50ern damit einherschnulzten. Ihm dürfte sich die Version von Nat King Cole (1954) eingeprägt haben, oder die von Pharoah Sanders (1978).
Danke Mr. Jarrett für dieses schöne Hochjazzen!

erstellt: 10.12.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten