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DAVID TOOP
Haunted Weather.
Music, Silence and Memory
279 Seiten; 12.99 GBP, Serpent´s Tail, London, 2004

Auf dem Cover zitiert der Verlag ein summarisches Urteil des "New Statesman" über den Autor Toop, gewonnen aus dessen drei vorangegangenen Büchern: "Toop weiss viel mehr über ein viel grösseres Musikspektrum als jeder andere Kritiker".

Die ersten zwei Drittel dieser Aussage gehen in Ordnung. Man wird schwerlich einen umfassender orientierten, noch dazu mit eigener Formulierungskunst aufwartenden Autor aufbieten können - zumal in deutscher Sprache. Allenfalls Peter Niklas Wilson käme in die Nähe, übrigens auch in zwei Nebenrollen. Wie Toop (Gitarrist) war Wilson, verstorben im November 2003, auch Musiker (nämlich Bassist), aber weitaus mehr füllte er die Rolle aus, die das britische Magazin in dem kühnen Komparativ Toop zuschreibt: die des Kritikers.

Ein einziges, scharfes Urteil, wie von einem Kritiker gewohnt, findet man in diesem Buch. Da kanzelt Toop in einer Nebenbemerkung Van Morrison ab - nur wenige wird´s freuen (wie DIESEN Rezensenten), und ein entsprechender Verweis auf die Seite 222 taucht nicht einmal im Register auf. So unwichtig ist der Verriss Autor und Verlag.

Nein, die verwandten Nebenrollen von Toop & Wilson bleiben blosse Formalie, aber auch in der Hauptrolle hätte Wilson ein Buch wie "Haunted Weather" sich nicht gestattet. Es ist eminent subjektiv, an manchen Stellen hätte man sich grössere Brücken in die Musikwissenschaft, in die Ästhetik, auch in die Musiksoziologie gewünscht, wie ein PNW sie vermutlich gebaut hätte. Toop´s Subjektivität aber ist die eines teilnehmenden Beobachters, entlang einer schier endlosen Zeitachse der Musik. Der Mann ist Mitte Fünfzig und hat im Roundhouse (im Roundhouse, wow!) gekellnert. Er hat Pink Floyd gesehen (mit Syd Barrett!), hat 1975 auf einem Label von Brian Eno (!) ein Album veröffentlicht, dessen Improvisationskonzept man auch heute noch manchem aus der gemeinen Jazzkritik als ultrahip verkaufen könnte.

Heute korrespondiert Toop mit Gott & der halben Welt, schreibt in The Wire, lehrt, kuratiert, installiert, ist überall dabei, muss sicher viel mehr Angebote ablehnen als er annehmen kann...und von alledem profitieren wir, die Leser von "Haunted Weather".

Wir profitieren von Subjektivität und Gelassenheit, mit der er durch grosse Teile seiner musikalischen Erfahrung navigiert. Triebe ihn dabei die manische Egozentrik eines Joachim Ernst Berendt, es wäre nicht zum Aushalten. Aber so gleiten wir, umfächelt von einer eleganten Sprache, die einen nicht selten zum Wörterbuch greifen nötigt, noch häufiger zum Markierstift, durch den sehr langen Übergang der analogen in die digitale Musikwelt. Von nichs anderem, von nichts weniger handelt "Haunted Weather" - von der "instabilen Wetterlage" am Anfang des 21. Jahrhunderts, die für Toop viel mehr Chancen denn Risiken bietet.

Befragt, wovon dieses Buch handele, kokettierte Toop neulich, er wisse es selbst nicht. Das ist so weit nicht hergeholt, denn in der Tat fällt es nicht leicht, die Schwerpunkte zu thematisieren, sie sind keineswegs mit den Kapitelüberschriften identisch. "Improvisation" z.B. nimmt breiten Raum ein, bei Toop eng verbunden mit Aspekten der Körperlichkeit des Musizierens. Man erfährt viel über Derek Bailey, John Stevens und am meisten wohl über Toru Takemitsu, den verstorbenen japanischen Komponisten, dessen elektro-akustisches Frühwerk den meisten nicht vertraut sein dürfte.

Überhaupt Japan! Toop ist ein britischer Japan-Fan, betreib seinen Garten am Hause in Nord-London nach japanischem Vorbild, und es dürfte keinen deutschen Autor geben, bei dem diese beiden Welten - Japan, der Gartenbau und obendrein die digitale Technologie - so zusammenfänden wie bei ihm:

"Anfangs genügten, um ein Instrument kennenzulernen, ein paar einfache Handwerkszeuge. Heute verfüge ich über 6 verschiedene Computer-Programme, um Musik aufzunehmen und zu bearbeiten; alle wiederum mit einer Vielfalt an Möglichkeiten durch digitale Effekte, dazu die analogen Geräte, wiederum auch mit ihrer Auswahl an Wahlmöglichkeiten und dazu eine grosse Anzahl an Klangerzeugern.
Die Wahlmöglichkeiten, was und wie ich arbeiten kann, werden lediglich beschränkt durch meine eigene Fantasie - jedenfalls behauptet das die Microsoft Propaganda.
Das aber ist gar nicht mal so viel anders als der Gartenbau. Ein Programm, das man überreizt, wird abstürzen. Eine Pflanze, auf falschem Boden, unter falschen Bedingungen, geht ein. Es gibt unendliche viele Möglichkeiten, einen Garten zu gestalten. Die Tugend heisst: Weglassen. Ohne Beschränkung entsteht nur Konfusion, etwas Vulgäres, Bedeutungsloses. Ich lebe offen gestanden nicht danach, aber zumindest habe ich die Frage im Kopf: wer braucht eigentlich soviel Zeugs"

Toop´s Einlassungen zu Soundscape sind das Verständigste, was ich je darüber gelesen habe, nämliches gilt für Soundsampling und seine mitunter kuriosen Vorläufer, z.B. Carl Weisman und seine singenden Hunde im Dänemark der 50er Jahre.

Vollkommen unteutonisch ist auch die Hierarchilosigkeit seiner Betrachtungen, Autechre steht hier neben Xenakis. Punkt.

Eine herbe Enttäuschung hingegen die Do-CD zum Buch, unter gleichem Titel bei Staubgold in Berlin von Toop kompiliert. Auch unter Berücksichtigung der mutmasslichen Schwierigkeiten, für ein solches Projekt Lizenzen einzuholen, ist die Schnittmenge zwischen Buch und Tonträger erstaunlich gering. Vieles, auf das die Lektüre Appetit macht, taucht dort gar nicht auf.

Gleichwohl ist Mehr in diesem Falle für deutsche Interessenten preiswert. Das Buch allein, in London bestellt, kostet ca 19 Euro, Buch plus Do-CD bei Staubgold.com leidiglich 30 Euro.

© Michael Rüsenberg, 2004, Nachdruck verboten