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ALYN SHIPTON
Out of the Long Dark. The Life of Ian Carr
217 S., Equinox, London, 2006
ISBN 1-84553-222-8

Ian Carr dürfte, dank Nucleus und des United Jazz + Rock Orchestra, zu den bekanntesten britischen Jazzmusikern in Deutschland zählen. Eine Zeitlang hat man ihn in dieser Rolle nicht mehr wahrgenommen, wohl aber als Publizist, beispielsweise in der Fernsehproduktionen über Miles Davis und Keith Jarrett von Mike Dibb, die inzwischen auch als DVD vorliegen.
Diese Umstände - und wohl auch die Erfahrung des hierzulande stark unterentwickelten Biographismus - nähren die Vermutung, diese Biographie erschiene als erweiterter Nachruf.
Keineswegs. Ian Carr lebt seit gut 20 Jahren in Brixton, Süd-London, er ist 73 Jahre alt, aber er ist krank, finanziell ausgeblutet und wirkt wie ein Schatten seiner selbst.
Die Biographrie über ihn, veröffentlicht im Juni 2006, war, wie Alyn Shipton im Vorwort enthüllt, bereits seit 15 Jahren in Arbeit; zunächst von
John Smallwood, der - wie Shipton ohne weitere Begründung ausführt - Ende der 90er Jahre ihm das Resultat einer Recherchen zur Fortführung überantwortet habe.
Alyn Shipton ist ein erfahrener Jazz-Publizist, er arbeitet für die BBC, schreibt für Times und Guardian und hat zudem mehrere Jazzbücher publiziert.
"Out of the Long Dark", der Titel der Biographie, bezieht sich auf das Titelstück des gleichnamigen Nucleus-Albums von 1978, inspiriert durch eine Skulptur seines langjährigen Freundes
Gerald Laing. Ursprünglich gedacht als Beschreibung des langen, erfolgreichen Weges eines Spermiums zur Befruchtung eines Eis, impliziert er schliesslich als Buchtitel eine ganze Anzahl Bedeutungen.
"Out of the Long Dark" markierte seinerzeit die erfolgreiche Überwindung einer Phase der Depression. Shipton sieht den Begriff als generelle Metapher für das Leben des Ian Carr, das von einigen Schicksalsschlägen gekennzeichnet ist: der plötzliche Tod seiner ersten Frau, der erfolgreiche Kampf gegen eine Krebserkrankung in den 80er Jahren, der ruhelose Lehrer für Englisch als Fremdsprache, der nicht in der geliebten englischen Lyrik, sondern schliesslich als Jazzmusiker reüssiert.
Ian Carr ist Autodidakt - und verschont den Leser nicht mit zahlreichen Selbstkasteiungen, was die persönliche Einschätzung seiner Qualitäten als Trompeter und Komponist anbetrifft. Mitunter mag man dieses
mea culpa gar nicht mehr lesen, wenn er z.B. gegen das sehr geschätzte "Labyrinth" (1973) anrennt: "Labyrinth litt unter meiner eigenen musikalischen Ignoranz. Ich besaß schlicht nicht das Handwerk, um es abzurunden. Ich war an der Grenze meines Komponierens angelangt." (Seite 102)
Kritischer auch als man es von seinen Kollegen weiss, geht Ian Carr mit dem Auftakt des hierzulande vergötterten
United Jazz + Rock Ensemble ins Gericht. Zwar sei die Gage für das erste Album so gut gewesen, "dass ich davon drei Wochen Recherchen in New York bezahlen konnte, für mein geplantes Buch über Miles Davis" - ãaber tatsächlich konnten es die meisten Bandmitglieder nicht leiden, zumindest haben sie es ihren Freunden nicht vorgespielt."
"Out of the Long Dark. The Life of Ian Carr"
kann man zu grossen Teilen lesen als eine Geschichte des modernen britischen Jazz, von den 50ern bis in die 90er Jahre. Denn Ian Carr, das war nicht nur der Bandleader von Nucleus, sondern auch ein Netzwerker - einer, der der sie alle kannte - ausser Miles Davis, über den er ein brillantes Buch geschrieben und einen Film gemacht hat.
Wenn es eine Kritik gibt an dieser Biografie von Alyn Shipton, dann die, dass er sie mit Ian Carr´s jüngstem Film über
Keith Jarrett abrupt abbrechen lässt (Ian Carr´s Buch über Jarrett bewertet er kritisch), dass er zu wenig seine Rolle als Jazz-Professor beleuchtet (an der Guildhall School of Music in London) und dass sein Bruder, der Pianist Mike Carr, auf Seite 64 verschwindet. Immerhin waren die Gebrüder Carr nicht nur familiär, sondern auch in der Combo EmCee Five, im Newcastle der 60er Jahre, eng miteinander verbunden - und haben sich später zerstritten (kein Wort darüber in diesem Buch)
Wie gesagt, Ian Carr ist kürzlich 73 geworden - ein gebrochener, alter Mann, krebskrank, finanziell ruiniert, wie er sagt, durch zwei Leistenbruch-Operationen. Die Trompete spielt er nicht mehr, er kann sie nicht mehr spielen, er reinigt sie nur noch.
Das ist der traurigste Auspekt, wenn man diesen Buch von Alyn Shipton liest.

erstellt: 13.07.06
© Michael Rüsenberg, 2006, Alle Rechte vorbehalten