NORBERT STEIN PATA MESSENGERS We are *******

01. Perfume (Norbert Stein), 02. Gondwana & Pangea, 03. Diatonic Upanishad, 04. El Fado, 05. What we are, 06. Polarity,  07. Be yond!, 08. Mellstones, 09. Friendship


Norbert Stein - ts, Philip Zoubek - p, Joscha Oetz - b, Etienne Nillesen - sn dr, cymbal

rec. 05.2017

Pata Music Pata 24

Der Titel dieses Albums, wie er sich auf dem Cover präsentiert, lädt - eben weil eine Selbstverständlichkeit auszurücken scheint - zu Interpretationen ein.
Am wenigsten bietet sich eine folkloristische an, vielleicht im Sinne des bairischen „mir san mir“. Die Pata Messengers samt ihrer Vorläufer reichen zwar bis in die 80er Jahre zurück, und obwohl man ihnen eine klare Identität bescheinigen kann, liegt ihr Ursprung weder im Nebel der Tradition noch ist sie so kollektiv ausgebildet, dass sich in diesem „wir sind es“ verschiedene Autoren vermischen würden.
Alle Ensembles mit den beiden Vorsilben Pa-ta werden von Norbert Stein ins Lebens gesetzt; es ist fast ausnahmslos seine Musik, die sie interpretieren; sie schöpft aus einem klar umrissenen Formen-Vorrat, der immer wieder anderes kombiniert wird.
Er ist an dieser Stelle mehrfach beschrieben.
Insofern ist die Frage essentiell, wer jeweils zu den Botschaftern (messengers) gehört. Er wird die Botschaft wiederum anders akzentuieren.
cover pata we are 1Und da hat es seit den letzten beiden Messengers-Alben (2015) einen bedeutenden Wechsel gegeben, von Nicola Hein, g, zu Philip Zoubek, dem ersten etatmäßigen Pianisten in der Pata-Geschichte überhaupt.
Zoubek stammt aus Niederösterreich, lebt seit 2002, seit dem Beginn eines Studiums in Köln, ist hier beliebt und ausgezeichnet - und 2017 ist sein Jahr!
Jetzt, scheint es, ist er aus seiner dominanten Rolle als Fachmann für das präparierte Piano herausgetreten und entfaltet eine komplementäre Seite als vollmundiger Jazzpianist.
Das begann früh im Jahr mit Album und Tournee von Slowfox,

das findet hier eine Fortsetzung.
Zoubek ist ein FreeJazz-Mann, der auch time spielen kann. Das ist hier von eminenter Bedeutung, da die Pata-Musik in einem großen Terrain aus Brackwasser schwimmt: zwischen einer Kantilenen-, also singbaren Melodik auf der einen und freier Tonalität auf der anderen Seite, zwischen folkloristisch anmutendem Walzer und völliger Auflösung des Metrums.
Am dramtischsten kommt diese Ästhetik zum Ausdruck in dem, was man vielleicht als Titelstück erkennen kann, in „What we are“. Das Thema klingt wieder wie einer Sprechmelodie abgelauscht, Norbert Stein beginnt sein Solo abwartend rubato, bis die Rhythmusgruppe eindeutig vorgibt: walking bass. Und peu a peu zieht sie das Tempo an, accelerando; als dann Zoubek übernimmt, ist sie vollends im uptempo.
Was geht da die Post ab!
Dass das überhaupt funktioniert, ist erstaunlich, denn Etienne Nillesen hat kaum etwas vorzubringen, er setzt erneut einen total reduzieren drumset ein: außer snare und einem cymbal hat er nichts - keine bassdrum, keine toms, keine hi-hat, nicht mal ein zweites cymbal.
Des Rätsels Lösung liegt in dem Verbund, in dem er spielt, im Verbund mit Joscha Oetz, einem rhythmisch- und intonationssicheren Bassisten, einem wunderbaren teamplayer.
Man muss freilich sagen: es funktioniert nicht immer. In „Mellstones“, wo das Fundament frei-metrisch gelegt ist, tun sich „akustische Lücken“ auf; die Tonregie betont Nillesens Figuren auf dem ride cymbal, sie betont damit sozusagen die Leere, man hört seine snare, aber nichts dazwischen oder darunter. Es fehlt Masse, bis sich das Gruppenbild akustisch weiter verdichtet.

erstellt: 30.11.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten