KEITH JARRETT After The Fall *******

CD 1
01. The Masquerade is over (Wrubel, Magidson), 02. Scrapple from the Apple (Charlie Parker), 03. Old Folks (Robinson, Hill), 04. Autumn Leaves (Kosma, Prevert, Mercer)

CD 2
01. Bouncin´ with Bud (Powell, Fuller), 02. Doxy (Rollins), 03. I´ll see you again (Coward), 04. Late Lament (Desmond), 05. One for Majid (La Roca), 06. Santa Claus is coming to town (Cooles, Haven Gillespie),  07. Moments Notice (Coltrane), 08. When I fall in Love (Heymann, Young)

Keith Jarrett - p, Gary Peacock - b, Jack DeJohnette - dr

rec. 14.11.1998
ECM 2590/91

Zwei Beobachtungen mögen einem zu diesem Doppelalbum einfallen.
Sie lassen sich zu einer These verfädeln.
Der Jarrett-Biograf Ian Carr (1933-2009) war der Auffassung, je schlechter die Umstände - desto besser Keith Jarrett. Sein erstes Beispiel dafür war das „Köln Concert“ (1975).
Der Autor eines lesenswerten Buches über dieses Ereignis, der Musikwissenschaftler Peter Elsdon aus Hull, hat Carr´s Beobachtung in einen allgemeinen Rahmen gestellt.
Ihm fiel auf:
„Fast jedes Jarrett-Konzert, das veröffentlicht wird, wird von einer Geschichte begleitet, aus welchen Gründen dieses Konzert ein besonderes war. Im Falle des Köln Concert: dass Jarrett nicht geschlafen habe und ein schlechtes Klavier hatte. Bei den Konzerten 1973 waren es Rückenschmerzen.
Für mich als Forscher ist dabei ganz entscheidend, dass diese Geschichten von Jarrett ausgehen. Er erzählt sie. Und ich denke, er wird schon seine Gründe dafür haben. Er will, dass wir eine Aufnahme als das Resultat eines kreativen Kampfes betrachten.
Das bedeutet nicht, dass die Geschichten falsch sein müssen, keineswegs. Aber sie werden in einer bestimmten Absicht erzählt. Als sollte der Hörer gelenkt werden: er soll zu einem bestimmten Hören veranlasst werden.“
Soziologen würden daraus die These einer spezifischen Rezeptionssteuerung formen,
á la Keith Jarrett.
Im vorliegenden Falle, „After the Fall“, dürften sie sich mustergültig bestägt fühlen:
Ian Carr, denn es ist ein wirklich gutes Konzert, das hier veröffentlicht wird;
Peter Elsdon, denn die Geschichte, die zum „Resultat eines kreativen Kampfes“ führt, dürfte schwerlich zu überbieten sein.
Jarrett erzählt sie selbst. Sie steht, wie erwartet, im booklet.
Und sie geht so:
zwischen Herbst 1996 und Herbst 1998 leidet er, wie bekannt, an den Folgen des Chronische Erschöpfungssyndroms (CFS), unfähig zu spielen, von Konzerten ganz zu schweigen. Seine letzten öffentlichen Töne in italienischen Städten im Oktober 1996 sind auf der 4-CD-Box „A Multitude of Angels“ dokumentiert, veröffentlicht 2016.

One Night in Newark

Bis dato galt das Solo-Album „The Melody at Night with you“ (1999) als Indiz für die Überwindung der Krankheit und das Ende der elementaren Schaffenskrise.
Nun schiebt sich ein paralleles Ereignis aus dem November 1998 davor, ein Live-Mitschnitt aus dem New Jersey Performing Arts Center in Newark, eine Autostunde von Jarrett´s Haus entfernt.
Es war der zweite Versuch, das legendäre Trio wieder zusammenzubringen, im Frühjahr hatte der Pianist nach einer ersten Probe beim Abendessen einen Rückfall erlitten.
Nun also Newark. Jarrett legt die Latte hoch. Er charakterisiert das Konzert (vollständig kompatibel mit dem von Elsdon gezogenen Rahmen) als „unheimliches Experiment“; seinen Kollegen erklärt er, er halte ein Bebop-Repertoire für ihn als am besten geeignet: obwohl dies „great technique“ voraussetze (sic!), müsse er unter dieser Voraussetzung doch nicht so „hart“ wie üblich spielen, seine Energie reiche wohl nicht aus, „tief zu graben“.
Mit anderen Worten: der Mann, laut seinem deutschen Biografen Wolfgang Sandner ein Künstler mit „musikalischem Gedächtnis ohne Erinnerung“, setzt ganz auf letztere, um einen Abend zu überstehen.
Dass ihm das gelingt, darüber lässt er uns vorab nicht im Unklaren. Und sein Eigenlob, das unglaublich stinkt, wenn es - wie am 17.03.18 in der SZ (wo sonst?) - von einem Rezensenten im Weihrauch-Modus gesegnet wird, klingt im Original so großspurig nicht:
„For me, it´s not only a historical document, but a truly great concert. Enjoy!“
Der subjektive Superlativ ist nachvollziehbar; der Mann zeigt nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Kollegen, dass er auf dem Weg der Genesung ist. Und unter der Einschränkung, diesmal nicht allzu tief graben zu wollen (mit anderen Worten: woanders war er besser), kann ein jeder, der die beiden CDs hört, zustimmen: es ist wirklich ein großes Konzert (gewesen), nicht das größte.
cover jarrett after fall
Und es klingt auch noch gut, erstaunlich gut, wenn es sich hier wirklich um einen Mischpult-Mitschnitt aus der Saalbeschallung handelt (auf DAT-Band; aber es wird nicht verraten, ob 2-Spur oder ADAT, also Mehrspur).
Das Klavier klingt sauber, der Bass erdig, das ride cymbal, dem hier eine wichtige Funktion zukommt, zischelt crisp.
Das Repertoire ist klug gewählt, der Abwechslungsfaktor groß, insbesondere auf CD 2, wenn in der Mitte, nach dem requiem-artigen „Late Lament“ von Paul Desmond  der gleichsam helle Blues „One for Majid“ von Pete La Roca einfach nur so davonschnurrt.
Und dann - Kinder, es ist kurz vor Weihnachten! - Santa Claus auf einem Gospel-Schlitten die Stadt rockt.

Onkel Jack (DeJohnette), noch ein Hinweis auf die Jahreszeit, setzt in seinem drum-solo gegen riff doch tatsächlich eine jingle bell ein.
Dann folgt ein fast swing, Coltrane´s „Moment Notice“ von 1957, ein multi-akkordisches Stück, das das Ende dieser Fahnenstange, „Giant Steps“ zwei Jahre später, vorwegnimmt. Das ist zwar kein Medikament aus dem reinen Bebop-Schrank, aber sei´s drum, das Trio fährt in jener Art von full swing, wie ihn der Bebop halt als Modell nun mal als erster bereitgestellt hat.
CD 1 enthält die längeren Stücke. Keith Jarrett beginnt den Abend (wenn uns hier die korrekte Reihenfolge präsentiert wird) allein, mit einer knapp dreiminütigen Einleitung zu „The Masquerade is over“. Dass er in diesen Standard von 1937 mal ein Kinderlied-Zitat, mal „Jeepers Creepers“ einwirft, mag als Indikator für gute Spiellaune verstanden werden.
Er brabbelt obendrein, wie häufig an diesem Abend, was sicher auch nicht das Gegenteil anzeigt.
Es folgt klassischer Bebop von Charlie Parker („Scrapple from the Apple“) sowie eine Ballade aus der Vor-Bebop-Zeit, die von Parker nobiliert und damit Teil des Jazz-Repertoires wurde, „Old Folks“ von 1938.
Dass Jarrett & Co. in dem alten Schlachtroß „Autumn Leaves“ sich wohlfühlen, zeigt sich an einem mit-summenden Bandleader, der in langen Ketten phrasiert und einem aufmerksam kommentierenden Drummer.
Ab der Mitte steht Gary Peacock gut zwei Minuten im Vordergrund, dann polen Jarrett & DeJohnette langsam den Groove um, und ab geht´s in ein dunkel funk-elndes riff, das als Coda verklingt.

PS: bei der Gelegenheit noch mal in der „jazz toccata“ (1991) von Michael Naura (1934-2017) geblättert.
Wiehernd gelacht über „Jazzkritiker, überbacken“; Auszug aus dem Rezept:
„Man bereitet einen Strudelteig, zieht ihn dann dünn aus, besteicht ihn mit zerlassener Butter und saurem Rahm und belegt ihn dicht mit den entsteinten (natürlich vorher gewaschenen) Jazzkritikern…“.
Aber hier, darum geht es, Seite 147:
„…wenn es mit seiner Aura so weitergeht, wird die Zeit kommen, wo Mütter ihre Kinder über die Rampe reichen, damit er sie segne. Keith Jarrett, der Hausheilige des Improvisationsklaviers“.

erstellt: 20.03.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten