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CHICK COREA THE SPANISH HEART BAND Antidote ******

01. Antidote (Corea, Blades), 02. Duende (Corea), 03. The Yellow Nimbus - Part 1, 04. The Yellow Nimbus - Part 2, 05. Prelude to My Spanish Heart, 06. My Spanish Heart, 07. Armando´s Rhumba, 08. Desafinado (Jobim), 09. Zyryab (Paco de Lucia, Amargos, de Algercicas), 10. Pas de Deux (Stravinsky), 11. Admiration (Corea)

Chick Corea - p, keyb, Marcus Gilmore - dr, Carlitos del Puerto - b, Jorge Pardo - fl, as, Niño Jodele - g, Steve Davis - tb, Michael Rodriguez - tp, Luisito Quintero - perc, Niño de los Reyes - dancer (3,11)
, Maria Bianca - voc (9)

rec. 2018 (?)

Universal/Concord 00888072103351

Ein Spätwerk von Chick Corea lässt auf sich warten.
Seit Jahren greift er vergangene Projekt auf, um sie zu „aktualisieren“, aber in keinem will ihm ein Zugriff a la Wayne Shorter gelingen: das Vergangene einer Revision zu unterziehen.
Das Eigene noch einmal ganz anders lesen, mit der Summe der seither gewonnenen Erfahrungen, ja vielleicht sogar wie ein Fremder lesen.
Jazzmäßig gesprochen: die eigenen Stücke wie Standards zu verstehen, sie vielleicht sogar gegen den Strich zu bürsten.
Wayne Shorter gelingt das seit Jahren auf mustergültige Weise.
Und er vermittelt dabei nicht den Eindruck, die neue Lesart würde die „Originale“ ersetzen, gar für ungültig erklären. Er demonstriert auf spezifische, nämlich seine eigene Weise, die Gültigkeit eines alten Prinzips der Musikästhetik, nämlich dass eine musikalische Idee niemals abgeschlossen ist.
Im Falle Chick Corea wäre „My spanish Heart“ ein guter Kandidat für dieses Verfahren gewesen. Das Album ist im Oktober 1976 entstanden; es stellt in konzentrierter Form heraus, was man auch vorher schon hören konnte: dass der amerikanische Pianist mit italienischen Wurzeln ein großes Faible für die spanische (und die latein-amerikanische) Musik hat.
„My spanish Heart“ ist vielfältig; es enthält den Corea-Klassiker „Armando´s Rhumba“ (seinem Vater gewidmet), es enthält vor allem die viersätzige Suite „Spanish Fantasy“, darin Bläser und Streichquartett, sowie in „Part II“ einen der ergreifendsten Momente aus der beliebten Kategorie Drum-Solo gegen Riff, nämlich ein Duo aus Chick Corea, keyb, und Steve Gadd, dr.
cover corea spanish heart bandDamit wir uns nicht missverstehen; Chick Corea´s „Wiederaufnahme des Verfahrens“ (das auch Stücke aus dem Album „Touchstone“, 1982 einschließt) ist nicht niveaulos.
Im Gegenteil, es mangelt nicht an den melodisch-rhythmischen Dribblings, die die Marke CC ausmachen (beispielsweise in dem seinerzeit Paco de Lucia zugedachten „Yellow Nimbus“). Und sie werden auch noch exzellent ausgeführt.
Er hat einfach auch gute Leute dabei, z.B. aus dem de Lucia-Team den Gitarristen Niño Jodele, einen Flamenco-Tänzer, Niño de los Reyes, der auch im Studio zum Einsatz kommt.
Und jetzt auch noch Marcus Gilmore, einen der gefragtesten Jazz-Schlagzeuger.
Nun ist Gilmore, wie man aus der Zusammenarbeit mit Vijay Iyer weiß, ein vor allem interaktiver Drummer, und man fragt sich, wo & wie jemand solche Qualitäten in eine Musik einbringen soll, deren Reiz im wesentlichen darin besteht, wie am Schnürchen zu laufen.
Eben das ist „Antidote“: ein einziges dejavú, erneut in Glanzpapier verpackt. Aber - mit einem Riesenanspruch.

Es mag Zeitgenossen geben, die über den Titel des Unternehmens „Antidote“ (= Gegengift) einfach hinweghören. Sie sind zu beneiden.
Wer sich aber nur schon auf die liner notes einlässt (oder auf die die Veröffentlichung begleitenden Interviews), der wird mit „Gedanken-Spenden“ (wie der Kritiker Ljubisa Tosic vom Wiener „Standard“ solche Worte zu charakterisieren pflegt) bedient, welche die in der Jazzwelt ohnehin verbreitete politische Naivität nochmals in den Keller sausen lassen.
Gegen wen oder was sich dieses Gegengift wendet, ist in den umfangreichen liner notes noch halbwegs versteckt:
„Wir sind Musiker und Künstler, wir sind das Gegengift zu den Leiden der Welt. Wir sind diejenigen, die Kriege und Grausamkeiten beenden können, weil wir die Menschen zum Singen und Tanzen bringen. Wir bringen sie zurück in ihren Ur-Zustand, zu ihrem Ur-Bewußtsein.“
Der lyrischen Variante dieses Bekenntnisses entgeht man freilich nicht, sie wird von Ruben Blades gleich in track 1, dem Titelstück, über einem Montuno-Beat zweisprachig gesungen:
„We dance and we sing and we play

Keep looking to find the way

Spreading the joy everywhere

We are here to stay
We don´t want a war
We don´t need the cruelty
Yes, you can see, when we come all around
It´s the gift we give
It´s the antidote we bring to all“
Das ist Gratismut im Quadrat.
Remember, 1993 wurde einem Veranstalter in Baden-Württemberg, gerichtlich bestätigt, auf Druck der Landesregierung (damals unter Erwin Teufel, CDU) der Zuschuß für ein Konzert des bekennenden Scientologen Chick Corea gestrichen.
Inzwischen ist er 78.
Das Musterländle müsste ihn anlässlich des nächsten Konzertes mit dem - noch zu schaffenden - Peter Pan-Preis des Jazz auszeichen.

Für nachhaltige Kindsköpfigkeit.

erstellt: 17.07.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten