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SIMON OSLENDER About Time ***

01. Warehouse (Oslender), 02. One for G.D., 03. Summer in Berlin, 04. Don’t ever look back, 05. Fragile (Sting), 06. Feel like makin´ Love (McDaniels), 07. Rooftop Party (Oslender), 08. Edge of Life (Oslender, Cosmo Klein),
09. When it hits you, 10. Lullaby for Tom



Simon Oslender - p, ep, synth, org, progr, Christopher Dell - vib (1,6), Claus Fischer - bg, Wolfgang Haffner - dr (1,6,), Hendrick Smock - dr , Roland Peil - perc, Bruno Müller - g (2,7,8,9), Hanno Busch - g (3,4,7,8), Randy Brecker - tp, flh (3), Bill Evans - ss, ts (7), Peter Fessler - voc, g (5), Klaus Genuit - progr (5), Cosmo Klein - voc (8), Ricky Peterson - synth (8), Rüdiger Baldauf - tp (8), Paul Heller - ts (8)

rec. Sommer 2019
Leopard D 77076



Volker Kriegel, der 2003 verstorbene Gitarrist, Autor und Illustrator, hat uns eine Reihe schöner Metaphern hinterlassen.
Voran die Einzelanfertigung (die gegen den heute häufigen „Ausnahmemusiker“ schon deshalb glänzt, weil sie listig durchscheinen lässt, dass im Grunde ein jeder Mensch diesen Begriff wert ist).
Oder der seinerzeit auf Michael DiPasqua gemünzte Feinmechaniker (wegen dessen subtilen Figuren auf dem ride cymbal) - sowie dessen Gegenteil: Schlagzeuger, die „heisse Kartoffeln fallen lassen“ bzw. wegen „Lehm in der hi-hat“ nicht auf der Höhe der time sind.
Nicht zu vergessen das Vorlagen-Ausmalen. Kriegel konnte nicht ahnen, dass dies unter „Mandala“ mal den Umfang eines Volkssportes einnehmen würde. Er hatte es seinerzeit gemünzt auf die Vertreter des Dixieland, deren Kreativität er nicht höher einschätzte als die Fähigkeit, solche Vorlagen zu kolorieren.
Was er vermutlich nicht im Blick bzw im Ohr hatte, waren die Repräsentanten seines eignen Genres, des Jazzrock.
Ist das nicht ein langer, möglicherweise zu langer Vorspann für die Rezension des Debutalbums von Simon Oslender? Der zudem in diesem Vorspann gar nicht auftaucht?
Waitaminute!
Wir stellen uns vor, wie Kriegel im Abhörraum der Ewigkeit dieses Album gereicht wird, begleitet von den dahingeraunten Superlativen, die wir auf Erden ertragen müssen:
„Ein Naturtalent? Eine Ausnahmeerscheinung? Oder einfach nur ein Frühreifer?“
Wie er einen Satz des ihm wohlbekannten Wolfgang Haffner lediglich mit einem Heben der Augenbraue quittiert:
„Von dem Mann wird man noch viel hören! Er spielt jetzt schon unglaublich. Mit einer Reife und Ruhe, die ich mit 20 nicht hatte!“ (Haffner hatte Oslender, heute 21, bei der Jazzbaltica 2018 in seiner Band.)
Wie Kriegel mal in diesen, mal in jenen track hineinhört, weiter springt und die Mundwinkel verzieht, als er das Bekenntnis des jungen Pianisten/Organisten aus Aachen in den liner notes entdeckt:
„I´m grateful and proud to be able to say that this record is 100% me. I stand behind every song, every bar, every note. I had no idea when I started writing what a special and exciting trip this was going to be“.
Wie er, der auch unter himmlischen Heerscharen die Sprechfähigkeit nicht wieder erlangt hat, sich einen Zettel reichen lässt und darauf notiert: „Dixieland!“
Wie er das unglaubliche Staunen des Weißgewandeten, dem er den Zettel überreicht, mit Kopfschütteln quittiert.
Ach so, Kriegel meint nicht den Stil, sondern die Methode Dixieland, wie hier die vorzeichneten Muster einer anderen Gattung, also des Jazzrock, nachgemalt werden.
cover oslenderIn der Tat, für ein jedes Stück dieses Albums lässt sich ein entsprechendes Blatt, vulgo: Musikmodell, finden.
Das wäre nicht weiter erwäh-
nenswert, eilte dem jungen Mann unter Musikern nicht ein Ruf wie Donnerhall vorauf, oder sagen wir lieber vornehm: ein gewaltiges Vor-Echo.
Auch der Albumtitel tut ein übriges: „About time“.
Jetzt ist aber höchste Eisenbahn, dass Oslender sein Debütalbum herausbringt, er hat doch schon als 15jähriger in der WDR Big Band ausgeholfen und als 12jähriger beim Metropole Orchestra in den Niederlanden!
Wenn wir die Vorschußlorbeeren vorsichtig vorsortieren, so sind sie hinsichtlich Oslender´s handwerklichen Fähigkeiten berechtigt vergeben.
Sein timing ist 1a, man höre sein Fender Rhodes-Solo in „Summer in Berlin“, sein Piano-Solo in „One for G.D.“, sein Orgel-Solo in dem Shuffle „When it hits you“ und und und…
Das ist Konfektion vom Feinsten. Genre-typisch - oder „amtlich“, wie es in der Szenesprache heisst - bis in die Haarspitzen.
Mission completed.
Dazu gehört die Mitteilung, beim Abhören von Peter Fessler´s Arrangement von Sting´s slow bossa „Fragile“ „sind uns in der Regie die Tränen gekommen“.
Keine Frage, das Arrangment ist gut, auch Eugene MacDaniels´ Soul-Klassiker „Feel like making Love“ hätte ein Bob James kaum besser inszeniert, der Schluß-vamp ist erste Sahne.
Und eben diese Stimmigkeit ist das Problem des angeblich so dringenden Debüts:
Simon Oslender geht in den Schuhen von anderen.
Der Auftakt „Warehouse“, geschrieben in Windhoek, verfügt selbstredend über- ein 7-Töne-Afro-Thema. „One for G.D.“ ist eine Hommage an George Duke in der Gestalt einer Kopie.
„Don´t ever look back“ (ein Motto, das man gegen die gesamte Produktion lesen kann), ein ternärer slow funk, folgt der Spur mehrerer Stücke auf „Night Watch“ (1996) von Ricky Peterson.
Nämliches gilt - abgesehen vom Gesang von Cosmo Klein - für „Edge of Life“, dessen Bläser-Arrangement Peterson höchstselbst geschrieben bzw. an keyboards eingespielt hat. Peterson fungiert obendrein als Mitproduzent.
Das alles hat man tausendfach gehört.
Der Erkenntniswert dieses Albums - dass ein junger Deutscher mit prominenter Hilfe das alles re-inszenieren kann - ist denkbar gering.
Man kann es auch mit einem alten terminus charakterisieren: Simon Oslender hat mit „About time“ ein mixtape hergestellt, nur hat er keine Tontäger kopiert, sondern stilecht nachgemacht.
Es wäre in der Tat „an der Zeit“ zu erfahren, welche eigenen Schritte zu gehen er in der Lage ist.

erstellt: 01.02.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten