ROBERT GLASPER EXPERIMENT Fuck Yo Feelings ****


01. Intro (feat. Affion Crockett), 02. This Changes Everything (feat. Buddy + Denzel Curry + Terrace Martin + James Poyser), 03. Gone (feat. YBN Cordae + Bilal + Herbie Hancock), 04. Let Me In (feat. Mick Jenkins), 05.In Case You Forgot, 06. Indulging in Such, 07. Fuck Yo Feelings (feat. Yebba), 08. Endangered Black Woman (feat. Andra Day + Staceyann Chin), 09. Expectations (feat. Baby Rose + Rapsody), 10. All I Do (feat. SIR + Bridget Kelly + Song Bird), 11. Aah Woah (feat. Muhsinah + Queen Sheba), 12. I Want You, 13.Trade In Bars Yo (feat. Herbie Hancock), 14. DAF Fall Out, 15. Sunshine (feat. YBN Cordae), 16. Liquid Swords, 17.DAF FTF, 18. Treal (feat. Yasiin Bey), 19. Cold

Robert Glasper - keyb, p, ep, voc, Chris Dave - dr, Derrick Hodge - b, Herbie Hancock - ep (3,13), Affion Crockett, Buddy, Denzel Curry, Terrace Martin, James Poysner, YBN Cordae, Bilal, Mick Jenkins, Yebba, Andra Day, Staceyann Chin, Baby Rose, Rapsody, SIR, B Kelly, Song Bird, Muhsinah, Queen Sheba, Yasiin Bey



rec. 2019 (?)

Wer dieses Album ein paar Mal gehört hat (und es gibt gute Gründe dafür), dessen Bedarf am Titel gebenden four-letter-word ist für einige Zeit gedeckt.
Ge-fucked wir hier alles und jedes. Das f-word wird bis zu 15 Mal wiederholt, und das bedeutet: bis zur Bedeutungslosigkeit gesungen, gegrölt, geredet, gesabbelt.
Mitunter auch in seinem, wie es zumindest uns Mitteleuropäern scheinen will, in seinem ursprünglichen, erotischen Kontext; hier freilich in seiner pornografischen Ausprägung.
Wer - wie der Großfeuilletonist Andrian Kreye (SZ vom 8./9.2.20) - mit viel, viel Phantasie und einer Extraportion Blauäugigkeit Glaspers Motto „Fuck Yo Feelings“
(bildungsbürgerlich übersetzt: „Du kannst mich mal mit deinen Gefühlen“)
mit dem Nonkonformismus von „Susanne Hennig-Wellsow, Nancy Pelosi und Greta Tunberg“ in einen Assoziationsraum sperrt, der muss die Frage beantworten, was das Gemächte eines Rapperleins namens Affion Crockett dazu beiträgt (track 1) oder die Fellatio-Fähigkeiten einer Frau, die in track 2 Kreativ-Kräfte wie Buddy, Denzel Curry oder James Poyser herausstellen.
Wenn man in dieser Buddy-Stimmung überhaupt Spurenelemente dessen erkennen mag, wo laut Kreye das Album „die politische Gegenwärtigkeit konsequent weiterdenkt“ (sic!), dann in „Endangered Black Woman“ („die gefährdete/unruhige schwarze Frau“) und „Aah Whoa“, wo Staceyann Chin bzw. Queen Sheba in Wutreden den wahrscheinlich nicht nur afro-amerikanischen Machos die Leviten lesen.
Neu ist das nicht und erwähnenswert nur im Kontrast zum verbalen Unflat drumherum.
Robert Glasper eine politische Sensibilität zu unterstellen, ist abenteuerlich; der Mann hat hinreichend gezeigt, dass er nicht mal in der Lage ist, die letzten zwanzig Jahre der Geschichte seines Genres angemssen zu beschreiben.
Warum nur fällt uns in diesem Zusammenhang Gerhard Richter ein?
Der berühmmteste deutsche Maler der Gegenwart ist gerichtlich gegen einen Dieb vorgegangen, der Entwürfe aus seinem Müll entwendet und auf den Kunstmarkt zu bringen versucht hat.
Bei Robert Glasper hingegen bleibt alles in einer, in seiner Hand.
Mit anderen Worten: manche Stücke, bestimmt die Hälfte, besitzen nicht mehr als Entwurfscharakter. Sie sind belanglos, bestenfalls unfertig, sie führen Gesangstalente vor, die man sogleich wieder vergessen wird.
Die Durststrecken sind lang.
cover glasper fuck 1Was vor allem nervt, ist das häufige Erwähnen seines Namens durch andere, die grunzende Selbstzufriedenheit, das permanente Gelächter, oft eine Oktave tiefer gelegt sowie Echos bei jeder Gelegenheit, mit bis zu zwölf Wiederholungen.
Es ist ein Festival der billigen, der vordergründigsten Klangeffekte. Verblüffend, dass ein so ausgebuffter Künstler so wenig kontrolliert im Schminckkasten der Studiotechnik sich bedient.
Welche aber sind dann die guten Gründe, doch wieder und wieder zu diesem Album zurückzukehren?
Weil sich in diesem Abfalleimer immer noch bestechende Fetzen finden lassen.
Man findet sie nicht unbedingt, wenn man von einer Jazz-Erwartung geleitet wird. „Fuck Yo Feelings“ ist nur am Rande Jazz, es ist in erster Linie ein Rhythm & Blues oder ein HipHop-Album.
Aus Jazz-Perspektive müsste man Glasper ähnlich wie Till Brönner beurteilen, aus dieser Sicht bleiben beide oft unter ihren Möglichkeiten, sind Leistungsverweigerer. In diese Kategorie gehören hier auch die beiden Gastauftritte von Herbie Hancock (tracks 3 und 13), sie sind banal. („Das bißchen Hancock, das ich höre, spiele ich selbst“, könnte ansonsten Glasper sein Handeln beschreiben, frei nach Karl Kraus).
Aber, die Schieber-Shuffles, die Chris Dave „Gone“ unterlegt und ganz zum Schluß auch „Cold“ sind schlichtweg obergeil (sie sind f…crazy).
Welcome to Glasper Land!
This is Groove & vamp country!
Im Abfallkorb von Robert Glasper finden sich Grooves, die andernorts gefeiert würden. Beispielweiser der tief-erdige in „Liquid Swords“, dem andererseits ein Überbau melodischer Art fehlt.
Last not least kann man in „I want you“ eine Referenz an „Find you“ erkennen (aus dem Album „Art Science“, 2016).
Der Text mag unterkomplex sein - die Form ist es nicht. Glasper spielt auf dem Wurlitzer Electric Piano eine Figur im 9/4-Takt, in jedem vierten Takt aber verlängert er um einen Schlag: 10/4. (in „Find you“, 2016, tauchen u.a. 10/8 auf).

erstellt: 08.02.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


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