ARVE HENRIKSEN The Timeless Nowhere *********

CD 1
captured under mountainsides
01. amazed by its beauty (Henriksen), 02. from a distance, 03. fog and light, 04. traces, marks and imprints of time, 05. abandoned schoolhouse, 06. valley echolocation, 07. the storyteller, 08. the painter, the poet and the past (Bang, Honoré, Henriksen), 09. bedehus - house of prayer (Henriksen), 10. tún - old remains of settlement (Jensson, Sverrisson, Henrichen), 11. water inscriptions (Henriksen), 12. tilia cordata (Bang, Henriksen)

Arve Henriksen - tp, voc, p, synth, org, electronics , Erik Honoré - keyb (8), Skúli Sverrisson - bg (10), Hilmar Jensson - g (10), Jan Bang - live sampling  (8, 12), Max and Filip Friman-Henriksen - perc (11)

cryosphere
13. origin (Henriksen, Bang, Zach), 14. perfectly diffuse (Henriksen, Bang, Zach, 15. subsurface (Isachsen), 16. radiative (Henriksen, Isachsen), 17. eating stars (Henriksen, Zach, Kleive), 18. intoku (Henriksen, Bang, Zach, Norbakken), 19. levitation (Henriksen, Bang, Zach, Norbakken, Kleive), 20. aerial (Henriksen, Bang, Zach, Norbakken), 21. myosis (Henriksen, Bang, Aarset)

Arve Henriksen - tp, voc, p, synth, electronics , Jan Bang - sampler, live sampling, beats, progr, Helge Horbakken - perc, cymbals, djembe, Ingar Zach - per, water percussion, objects, Audun Kleive - dr (13), hand drum (19) and percussion (17, 18), Walter Laureti - synth(16, 18), treatments (16) and string programming (21), Kristian Isachsen - progr and treatments (15, 16), Eivind Aarset - g (20)

CD 2
towards language - live at punkt
01. traces of words (Henriksen), 02. aspirations, 03. patient zero, 04. towards language, 05. guarded, 06. groundswell, 07. turf war, 08. vivification, 09. biding time, 10. paridae

Arve Henriksen - tp, voc, Jan Bang - samples, live sampling, Erik Honoré - live sampling, synth, Eivind Aarset - g

acousmograph
11. shadow lines (Henriksen), 12. prelude unfolding, 13. pathless forest, 14. cinématique graphique, 15. port of call, 16. monochrome garden, 17. the timeless nowhere, 18. chamber calibration, 19. embracing life of solitude, 20. dimly lit frescoes, 21. point of departure

Arve Henriksen - tp, voc, p, celeste, harmonium, synth, field recording, sounds, electronics

rec. 2007 -2017
Rune Grammofon FLP3210 (4LP + 2CD box set)

Ambient Jazz.
Der Begriff ist ein wenig ins Hintertreffen geraten. Möglicherweise auch, weil er so unscharf ist.
Bebop, Hardbop, Jazzrock, FreeJazz erscheinen geradezu in Stein gemeißelter definitorischer Klarheit gegenüber einer Musik, die swing-, groove- und beat-los ist.
Und damit schon einen zentralen Parameter des Jazz nicht erfüllt.
Andererseits ist nicht zu leugnen, dass Jazzmusiker sich Elemente dieser Gattung angeeignet haben, für die Brian Eno einst den Begriff „Ambient“ ausgegeben hat.
Und zu diesen zählt zuverlässig der Trompeter Arve Henriksen, 52, aus Norwegen.
Wobei mit Nennung des Instrumentes bestenfalls ein Ausgangsimpuls eines ganzen Klanguniversums erfasst ist. Abgesehen davon, dass er noch keyboards und etliches mehr bedient, werden weniger geübte Ohren in vielen seiner Linien gar keine Trompete erkennen.
Henriksen hat dem Instrument manche seiner Eigenschaften „abtrainiert“.
Unter seinem Luftstrom erscheint es weich wie eine Verwandte der japanischen Shakuhachi-Flöte, mitunter ist es vom Falsett-Gesang kaum noch zu unterscheiden.
Neben Emile Parisien (der das Sopransaxophon in Richtung Duduk und Cello führt) hat Henriksen das Ausdrucksspektrum seines Instrumentes enorm erweitert.
„The Timeless Nowhere“ ist auch dafür ein Kulminationspunkt.
cover henriksen timeless

In welcher Liga Arve Henriksen spielt, mag man auch an der Wahl des Autors für die liner notes ablesen. Ähnlich wie Berliner Politiker, die ihre Bücher gerne vom einem Politik-Fremden oder gar vom politischen Gegner präsentieren lassen, übernimmt diese Rolle hier John Potter aus dem britischen Hilliard Ensemble (das zwei Alben mit Jan Garbarek veröffentlicht hat).
Als Beleg dafür, dass Potter bestens vertraut ist mit dem Werk von Henriksen, kann man vielleicht seinen Hinweis heranziehen, dass das Groove Sample in „Origin“ (das den Abschnitt „cryosphere“ eröffnet), aus dem Stück „Migration“ aus dem Album „Carography“ (2008) stammt.



Potter eröffnet seinen Text mit einer grundlegen Erkenntnis aus der Rezeptionsästhetik, die im Jazz durchaus mehr Verbreitung finden kann:
„Als Künstler können Sie Ihrem Werk jede beliebige Bedeutung beimessen (…), aber es gibt keine Garantie, dass es für sie (die Zuhörer) dieselbe Bedeutung hat wie für Sie, deshalb muss die Musik ein Leben führen können, das völlig unabhängig von ihren kreativen Ursprüngen ist.“
Nichts anderes sagt Hans Magnus Enzensberger, wenn er davon spricht, dass man einen Text auch gegen die Intentionen eines Autors lesen kann.
Potter wird also Verständnis haben, wenn unsereins die Motivlage, wie er sie Henriksen für „captured under mountainsides“, den ersten der vier Teile, unterstellt, („die Musik ist oft spärlich, sie zielt vielleicht ab auf die Isolation der menschlichen Existenz in so einer weiten Landschaft“), die also ziemlich Norwegen-klischiert ist, nicht nachvollziehen möchte.
Und sicher gar nicht für die Gesamtheit der 42 (!) tracks.
Dafür wimmelt es hier einfach viel zu viel von Bildungszitaten.
Arve Henriksen bezieht sich, immer konkret genannt, u.a. auf Christian Wallumrød, Helmut Lachenmann, Carl Nielsen, Martin Bagge, Tigran Hamasyan, Penderecki, auf eine Harfenistin und eine Kantelespielerin, die wir nicht kennen können - er macht, mit anderen Worten, Musik über Musik.
Der Titel des ersten Teiles, „Captured under Mountainsides“, hat durchaus autobiographische Züge. Arve bezieht ihn auf seinen ältesten Bruder, dessen Naturbegeiserung er teilt; jener ist zum Zeitpunkt der Fertigstellug dieses Albums an Krebs gestorben.
Mit „captured under mountainsides“ beginnt das Projekt, und es ist zugleich eines der stärksten Teile. Entstanden zwischen 2015 und 2019, sind die ersten sieben kurze Kompositionen für Trompete, Gesang und Keyboards, erst für die tracks 8 bis 12 kommen Gäste hinzu.
Trompete, harmonisch aufgefaltet mit Harmonizer, Trompete mit indischer Tongebung, Trompete Flöten-ähnlich, beats, loops diversester Art (hineißend in 11 und 12), Falsett-Gesang (in „Bedehus - House of Prayer“) sozusagen a capella, Hmynen-Melodik - der Begriff Ambient Jazz kapituliert schon nach einer guten halben Stunde vor einer enormen Vielfalt.
„cryosphere“ der zweite Teil von CD 1 (auf Vinyl zwei eigene Seiten) startet mit mit dem von John Potter schon erwähnten drum-Sample (gespielt von Audun Kleive). Dieser Beat ist so offen, dass man ihn sich auch bei Jon Hassell vorstellen kann (dessen erweiterte Trompetentechnik Arve Henriksen noch wesentlich weiter getrieben hat).
„cryosphere“ ist eine Mischung aus Live- und Studio-Aufnahmen. Henriksen tritt hier im Team an; mit Jan Bang, Walter Laureti und Kristian Isachsen sind mehrere Elektro-Akustik-Manipulateure am Werk, der Anteil an kleinen Effekten (glitches) ist hier erhöht.
Ausgerechnet „towards language“, live mitgeschnitten beim renommierten Punkt Festival 2017, fällt demgegenüber ab.
Das Quartett wabert lang, im Vergleich zu den andern Teilen erstaunlich lang ereignisarm herum. Lediglich in „turf war“, einer Kollektiv-Improvisation, entwickelt sich eine Ahnung davon, welches Potenzial die Begegnung von konventionellen Instrumenten (Trompete, Stimme, Gitarre) mit elektro-akustischer Transformation entfalten könnte.
Mit anderen Worten, die Anwesenheit von Jan Bang und Erik Honoré ist keineswegs Garant für Abwechslungsreichtum, gar Spannung. Wer beispielsweise das neue Album von Eivind Aarset mit Jan Bang hört („Snow Catches on her Eyelashes“), für den kommt dieser Eindruck nicht überraschend.
Den zweiten Teil von CD 2 (bzw. eine ganze LP) nimmt „acousmograph“ ein, das Projekt mit den vielen Referenzen auf andere Musiken.
Es ist mehr noch als „caputured under montainsides“ eine Solo-Produktion. Arve sammelt hier Aufnahmen aus einem großen Zeitraum; von 2008, einer Aufnahme aus einem Hotel in Heidelberg (man hört u.a. ein Faxgerät) bis 2017, einem Beitrag für eine Installation der Gruppe Supersilent (nicht zu vergessen: der gehört er immer noch an).
„acousmograph“ beginnt mit einem kurzen Stück Piano solo, gefolgt von dem wohl pathetischsten track der ganzen Unternehmung („prelude unfolding“). Laut liner notes bezieht er sich hier auf ein Prelude aus einer Oper des dänischen Komponisten Carl Nielsen (1865-1931).
Den Bezug kann man schwerlich nachvollziehen; bei „cinématique graphique“, das sowohl von Christian Wallumrød als auch von Helmut Lachenmann inspiriert sein soll, schon eher. Hier vernimmt man - neben wie immer betörenden Trompetenklängen - Kratzklänge, die eine Verwandtschaft zu Lachenmann´s „streichtrio“ nahelegen.
Sicher nichts, was sich noch unter „Ambient Jazz“ bilanzieren ließe, sondern klar Neue Musik. Ob diese viereinhalb Minuten, u.a. mit Ringmodulator, cheesy organ und Vogellaut, dem strengen Komponisten aus Leonberg aber gefielen?
Zwei tracks weiter, „monochrome garden“, steigt Hendriksen dann wirklich „hinab“ zu Dark Ambient-Strukturen. Eng verwandt damit „the timeless nowhere“, inspiriert von Krzysztof Penderecki, ein düsteres Pandemonium mit multiplen Trompeten-Sounds.
Nämliches gilt für „embracing life of solitude“, inspiriert von Bläserklängen eines schwedischen Musikers namens Martin Bagge, den man auf seine Webseite überwiegend als Lautenspieler zu Gesicht bekommt.
„acousmograph“ hat, ohne dass es sich wirklich darum handelt, den Charakter von Auftragskompositionen. Die verbindende Klammer dieser 11 sehr divergierenden Stücke ist Arve Henriksen´s einmaliger Trompetenton.
Das Drumherum strebt überwiegend in tiefe Frequenzen, es lässt mit Leichtigkeit filmische Assoziationen zu.
Ambient Jazz ist das nimmer. Aber, das war ja auch nur ein verwegener Hilfsbegriff, um uns aus der Kenntnis der Vergangenheit einem Künstler zu nähern, der hier mit 42 Klangwerken mitunter akustische Falltüren öffnet.
Ein, ja, ein Abenteuer.

erstellt: 16.03.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten