STEFAN KARL SCHMID Pyjama ********

01. Rise and Shine (Schmid), 02. CGN, 03. After my Sleeping, 04. Amigo, 05. Ornette, 06. Snillingur, 07. Sleepwalking, 08. Donny´s Mode, 09. Point of View



Stefan Karl Schmid - ts, Bastian Stein, Heidi Bayer  - tp, flh, Shannon Barnett - tb, Mattis Cederberg - btb, cimbasso, Pablo Held - p, David Helm - b, Thomas Sauerborn - dr

rec. 3/2019
Tangible Music TM007


Chapeau! Wer ein Jazzalbum „Pyjama“ betitelt, dürfte in der Tonträgergeschichte der Gattung ein Alleinstellungsmerkmal beanspruchen.
Und selbst diejenigen, die eine gute Performance gerne mit dem Etikett „ausgeschlafen“ krönen, versagen sich die dazu passende bildliche Assoziation. Auf keinen Fall werden sie deshalb der schauerlichen Fantasie folgen wollen, die der Bruder des Künstlers in den liner notes entwirft:
„Ungeklärt ist, ob auch die Aufnahmen im Pyjama stattfanden. Zumindest eine lustige Vorstellung, wie die acht Musiker in Bademänteln im Studio des Deutschlandfunk stehen.“
Uaaaahhhh.
Sodann - that´s jazz! - „… es wäre eine Erklärung dafür, woher die Freiheit kommt, die immer wieder in den neun Stücken ausbricht…“
Pyjama - Bademantel - Freiheit.
Auch dieser Dreiklang darf in der Jazz-Ideologie einen Sonderplatz beanspruchen. Und sei es als letzter Grund für das dadurch ausgelöste Verbot, von Freiheit in unserer kleinen Welt weiterhin zu sprechen.
Ja, das ist ein fieser Vorspann für die Rezension eines wirklich … formidablen Albums. Und man wünschte sich, der in Köln allseits respektierte Deutsch-Isländer Stefan Karl Schmid hätte uns über die genauen Umstände des Entstehens seiner Kreativität (die zu erfahren mancher Kritiker andererseits hechelt) im Unklaren gelassen.
Denn das einzige, was zählt (und hier sind wir gestrenge Kohlisten), ist das, was hinten ´rauskommt - und das ist im Falle von „Pyjama“ herrlich ausgeschlafen.
Es vermittelt die Erkenntnis, dass und wie durch geschickte Stimmverteilung ein Oktett in der Lage ist, einen orchestralen Klang zu erzeugen.
cover pyjamaDas Album startet mit einer sanften Polyphonie („Rise & shine“), die thematisch an Reiner Brüninghaus erinnern mag, einen zumindest Köln-nahen Jazzpianisten (die älteren erinnern sich an dessen ECM-Alben).
Der nächste track, "CGN", ist - man ahnt es durch das Flughafen-
kürzel - eine Hommage an Köln, an die Stadt, in der Schmid seit 11 Jahren lebt.
Er nimmt die Zahl „11“ (in Bezug auf den Karnevalsstart am 11.11.) zum Ausgangspunkt für „verschiedene musikalische Parameter“.
Nicht ein Spurenelement von „Humba“-Mentalität ist darunter. Das Stück beginnt mit einer Minimal-Phrase von den Bläsern, unter das sich ein Rhythmus-pattern schiebt, das wohl im Elfertakt stehen könnte. Darüber ein Thema von geradezu „flüssiger“ Eleganz.
Der Komponist übernimmt mit einem betörenden Tenorsolo, und was die Rhythmusgruppe (Pablo Held, David Helm, Thomas Sauerborn) darum baut, ist hinreißend.
Auch hier besticht erneut die Form; in knapp sechs Minuten spielt Schmid ein unglaubliches Panorama vom Solo bis zur Kollektivimprovisation durch.
Und er ist ein Erzmelodiker: in „Amigo“ flicht er semi-folkloristische Linien über einen Rhythmus aus Kolumbien.
In „Ornette“ fischt er Passagen aus einem Solo von Ornette Coleman bei den Berliner Jazztagen 1971 und promoviert sie zu einem Gruppenbild aus Blechbläsern und solistischem Tenor.
Spätestens mit „Sleepwalking“, das auf 12-Ton-Reihen basiert, spätestens hier muss auf die buchstäblich zweite Hälfte des booklets verwiesen werden. Dort beschreibt Stefan Karl Schmid ausführlich die Konstruktionsprinzipien seiner Stücke. Und es gibt keinen Zweifel, dass hier ein Jazz-Komponist spricht.
Er vermeidet Stil-Bezeichnungen, vielleicht würde aber auch er „Donny´s Mode“ als JazzRock bezeichnen. Das Stück basiert auf einer 9-Ton-Skala, die er gemeinsam mit seinem Mentor Donny McCaslin an der Manhattan School of Music entwickelt habe.
Auch hier wieder Satztechnik, die mit lediglich acht Stimmen eine Big Band suggeriert. Und mit den „two periods of time“ meint er wohl den Wechsel zwischen binären (Rock) und ternären (swing) Passagen, ja mitunter liegen sie sogar übereinander, als er mit Pablo Held soliert.
Ein verwunschener Blues in Moll (den man mit Hilfe der Erklärungen des booklets schneller erkennt) beschließt ein rundum beeindruckendes Programm.

erstellt: 13.03.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


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