TIGRAN HAMASYAN The Call within ****

01. Levitation (Hamasyan), 02. Our Film, 03. Ara Resurrected, 04. At a Post-Historic Seashore, 05. Space of your Existence, 06. The Dream Voyager, 07. Old Maps, 08. Vortex, 09. 37 Newlyweds, 10. New Maps



Tigran Hamasyan - keyb, voc, Evan Marien - bg, Arthur Hnatek - dr (except 4,9), Tosin Abasi - g (8), Artyam Manukyan - vc (2), Areni Agbabian - voc (2), Beth Wood, Steve Wood - voc (9), Varduhi Art School Childrens Choir (7)

rec. 21.-25.09.2019
Nonesuch 075597920291

Dieses Album eignet sich nicht für Neurologen und Philosophen:
„In zehn neuen Songs erkundet der Pianist und Komponist seine Innenwelt.“
Mit diesem Motto landet er allerdings punktgenau in der gemeinen Jazzideologie. Deren Anhänger ein Konzert verlassen in dem Glauben, der Künstler habe vor ihnen sein Innerstes nach außen gekehrt.
Volltönend, wie sonst am Klavier, greift der zwischen Eriwan und New York pendelnde Tigran Hamasyan in den großen Baukausten der schwelgerischen Poesie:

„Unaussprechliche Sekunden der Sehnsucht, unterschwellige Erkenntnisse und überwiegende Glücksgefühle lassen den Körper zu einem Kunstwerk werden. Ein Gedicht oder eine Melodie wird ohne vordergründig-ersichtlichen Grund in die Welt gesetzt - damit die Menschheit entdecken kann, was unsichtbar ist: Das göttliche Mysterium“.
Es ist uralte Praxis, dass Künstlern ihre eigene Fantasie schleierhaft bleibt und sie sich deren Quelle nur im Metaphysischen vorstellen können.
Die Idee ist nicht verwerflich, befremdlich mag bisweilen die Tonart scheinen, in der sie verbal zum Ausdruck kommt.
Im Falle dieses Albums ist sie obendrein urkomisch, denn „The Call within“ ist - ganz banal gesprochen - in weiten Teilen ein Remake von „Mockroot“ (2015).
cover Hamasyan call withinWenn also - um zu obigem Bild zurückzukehren - Tigran Hamasyan hier „seine Innenwelt erkundet“, dann gestattet er uns - empirisch gesprochen - einen Blick in sein prozedurales Gedächtnis, in seine Senso-Motorik, mithin diejenigen Bereiche seines Oberstübchens, in denen die Bewegungsabläufe gespeichert sind, die klanglich in irrwitzigen patterns an die Außenwelt treten.
Vulgo, wir haben es mit seinem „Muskelgedächtnis“ zu tun.
Jazzästhetisch gesprochen, wir haben mit Jazzrock zu tun, mit einem Ostinato-Reigen ohne Ende, auch „The Call within“ ist wieder ein vamp city, riffs wie Handkantenschläge, häufig in ungeraden Takten bei hohen Tempi. Offbeat-Orgien.

Der Pianist legt Läufe hin, von denen viele KollegInnen nur träumen dürfen.
Arthur Hnatek, der Schlagzeuger aus der Schweiz, ist wieder dabei. Das Handwerk ist top level.
Wie gesagt, wir kennen es schon, aus „Mockroot“. Fast ein jeder der „neuen Songs“ lässt sich auf Strukturen dort zurückführen, der Abwechslungs- und Überraschungseffekt ist denkbar gering.
Andere kämen vor Lachen nicht in den Schlaf, würden sie denn dieses Programm technisch bewältigen.
Für Musiker aus dieser Preisklasse ist das zu wenig, Tigran Hamasyan sollte sich wirklich mal was „Neues“ einfallen lassen.

erstellt: 21.08.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


Drucken   E-Mail