WAYNE HORVITZ AND SWEETER THAN THE DAY Live at the Rendezvous, Seattle 2004 ****

CD 1: 1. Waltz from the Oven (Horvitz), 2. Prepaid Funeral, 3. Ben´s Music, 4. Capricious Midnight, 5. Inference, 6. Ironbound, 7. In one Time and another, 8. In the Ballroom
CD 2: 1. Julians´ Ballad, 2. Love, Love, Love, 3. Disingenous Firefight, 4. Forever, 5. Diggin´ Bones (Tim Young), 6. In the Lounge (Horvitz), 7. Casey Jones (Garcia, Hunter), 8. LTMBBQ (Horvitz)

Wayne Horvitz
- p, Andy Roth - dr, Keith Lowe - b, Tim Young - g

rec 2004

Kufala Recordings KOF0103
www.kufala.com

Ein Live-Album dieses Quartett´s - das muss überraschen! Seine bisheringen Veröffentlichungen ("American Bandstand“, 1999; ãSweeter than the Day", 2001) haben nicht erkennen lassen, dass den Stücken etwas Wesentliches fehlte, was durch den Einbezug des Spontanen oder gar des Expressiven auszugleichen wäre - Qualitäten also, die man gemeinhin mit "
Live"-Einspielungen verbindet.
Das Quartett, so konnte man bis dato meinen, sei mit Studioaufnahmen bestens bedient, in seinem ruhigen, ja fast schon altmodischen Jazz, der mehr nach Country riecht denn nach Blues oder swing. Der von den melancholischen Skizzen von
Wayne Horvitz lebt, Notizen aus der Provinz, Americana - und nicht zuletzt von einer Aufnahmetechnik, die dem Ideal des reinen Klangs nacheifert. Allesamt Resultate, die im Konzert, zumal unter Club-Bedingungen, schwerlich zu kontrollieren sind.
Dass das Quartett irjenswie dem Braten selbst nicht traut, teilt es uns indirekt schon nach dem ersten Stück mit: es fehlt der
Beifall. Mehr noch: diese Doppel-CD proklamiert allenfalls, dass sie einem Mitschnitt im einem Club namens "Rendezvous" in Seattle entstammt; sie bleibt denen, die das Bühnenbild dort nicht kennen, jeden Beweis schuldig - keine Ansagen, kein Beifall.
"Sweeter than the Day Live at the Rendezvous, Seattle 2004" dürfte eines der wenigen Live-"Jazz"-Alben der Jazzgeschichte sein, das - bis auf ein kleines Bühnenbildchen - alle weiteren Insignien eines Live-Ereignisses zu zeigen verweigert.
Formalien sind das,
Peanuts, könnte man einwerfen...wenn doch die Musik stimmt! Aber stimmt sie denn auch?
Auf den genannten (Studio)Alben gibt sich die Combo wie ein instrumentales
Song-Ensemble sehr eigenen Zuschnitts, das ein wenig mit Jazz-Elementen kokettiert. Es brauchte keinen exquisiten Solisten - hier aber wohl. Rasch wird deutlich, dass Roth, Lowe und Young kaum mit den Standards des Jazz zu messen sind, und auch ihr prominenter Vor-Mann gibt ja nicht gerade den eindrucksvollen Jazz-Solisten. Dass muss er auch gar nicht. Aber bei einem Konzertmitschnitt - so hat uns die Jazzgeschichte überreich gelehrt - müssen Strukturen ausgeweitetet, ausgeschmückt werden, müssen Solisten sich zeigen. Hier wird´s schnell langweilig, die Musiker sind solistisch überfordert. Was hier gelungen ist, das ist anderswo besser gelöst - nämlich die in der Tat immer wieder eigensinnigen Kompositionen von Wayne Horvitz.
Nehmen wir z.B. "Julian´s Ballad", einen
17-Takte-Song ohne Worte, mit einem wunderbar-herben ostinato - er liegt in zwei vorzüglichen Studio-Fassungen vor, die eine karg (auf "Sweeter than the Day"), die andere mit leichten HipHop-Anflügen (auf "From a Window" vom 4+1 Ensemble), klangfarblich orientiert - ein tolles Stück, hier verstrickt sich Tim Young in Bill Frisellismen darin.
Warum auch noch ein Doppel-Album? Das Quartett hätte die neuen Stücke wie üblich in einem 1A-Studio produzieren sollen - und wäre besser damit gefahren.
Dieser Mitschnitt weckt keinen Bedarf darauf, diese Band selbst in Ohrenschein zu nehmen.

erstellt: 23.05.05

©Michael Rüsenberg, 2004, Nachdruck verboten