An den 18 deutschen Ausbildungsstätten für Jazz, so hört man allenthalben, müssten die angehenden Jazzmusiker dringend auch in Techniken der Selbstvermarktung unterrichtet werden; sie sollten lernen, Förderanträge zu schreiben, liner notes und Pressetexte.
Die Jazzpolizei rät, dieses Curriculum auch um Techniken der Präsentation von Jazz-Auszeichnungen zu erweitern. Es könnte sein, dass einer/e der Aspiranten/innen eines Tages zum Vorsitzenden der Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) avanciert und in dieser Rolle mit dem Auftrag konfrontiert wird, eine Kolleg*in mit dem Albert Mangelsdorff Preis dekorieren zu müssen.
Er sollte dafür dann besser gerüstet sein als der scheidende Vorsitzende Gebhard Ullmann und seine Stellvertreterin Silke Eberhard.
Es ist ein Leichtes, den Echo Jazz zu verlachen. Aber die Präsentation des Albert Mangelsdorff Preises, des „deutschen Jazzpreises“, der den Echo an Seriösität und Validität in den Schatten stellt, geriet 2017 ebenso zu einem Festival der Peinlichkeiten - lediglich auf andere Art.
Dass die Aufregung des Momentes sprachliche Schnoddrigkeit gebiert - geschenkt. Aber wenn man darin versinkt, wenn man mit verteilten Rollen vom Blatt liest wie im Schülertheater, wenn die Anerkennung für einen verdienten Altvorderen wie Manfred Schoof zur Floskel „er war damals zugange“ gerinnt, zeigt sich einmal mehr die große Hilflosigkeit großer Teile der deutschen Jazzszene zu feiern.
Es ist vor allem die Hilflosigkeit, überhaupt eine Sprache zu finden, um z.B. die Leistung der Preisträgerin (2017: Angelika Niescier) zum Ausdruck zu bringen. Einer aus dem halben Dutzend Redner holte doch tatsächlich den alten Pappkameraden „Schlager“ aus dem Keller hervor, zur positiven Abgrenzung; man erlebte den üblichen Eiertanz, dass nun (nach Ulrike Haage 2003) endlich wieder eine Frau ausgezeichnet wird, obwohl die Geschlechterfrage eigentlich keine Rolle mehr spielt, oder wie oder was.
Die Jurybegründung las sich wie eine compilation aus dem Brevier des Gutmenschen; lauter wohlige Eigenschaften, die auf 1001 Jazzmusiker passen, aber dem spezifischen Fall nicht gerecht werden.
Frappierend, dass der UDJ-Vorsitzende offenbar die eigene Tradition nicht kennt. Er dankt dem scheidenden Jazzfest-Chef Richard Williams, die Preisverleihung auf die Hauptbühne des Jazzfest geholt zu haben.
Dort fand sie aber auch früher schon statt: Eberhard Weber hielt dort 2009 seine herrlich verstolperte Rede (hier zu hören), auch Gunter Hampel nahm dort 2007 den Preis entgegen, inkl. Konzert.
Ullmann Sorey


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


In der Hauptsache freilich, an Tenorsaxophon und Baßklarinette, ließ der Musiker Ullmann den Funktionär Ullmann wenige Stunden später vergessen.
Er traf zu nächtlicher Stunde auf Tyshawn Sorey, dr, p, den artist in residence des Jazzfest Berlin 2017.
Dass hier improvisiert wurde, muss nicht betont werden. Sondern ausschließlich das Wie.
Es war der dritte von insgesamt vier Auftritten des auch materiell (mit einem Stipendium der McArthur Foundation) Hochdekorierten - und der erste, in dem er nicht nur als Techniker, sondern auch als Interakteur überzeugen konnte.
Es wurde ein Fest der freien Improvisation. Da trafen zwei aufeinander, die einander zuhören, die über weite Strecken ohne die Klischees der Gattung aufeinander reagieren, die mit großer Intuition erfassen, wo man sich am besten auf den Austausch von Klangfarben beschränkt und: wo Repetition der Variation vorzuziehen ist.

erstellt: 04.11.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten