Der kaum überzeugende Samstag beim Jazzfest Berlin 2017 schloss mit einer Punktlandung. They did it again:
Kaja Draksler, p, Slowenin aus Amsterdam, Petter Eldh, b, Schwede aus Berlin, Christian Lillinger, dr, Spreewälder aus Berlin.
Beim October Meeting 2016 in Amsterdam hatten sie sich gefunden, im Januar 2017, bei ihrem Konzert am Jazzfestival Münster, sass die Jazzpolizei auf der Stuhlkante, am 4.11.17, kurz vor Mitternacht, auf der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele, erneut.
Geboten wurde nichts weniger als eine Neu-Formierung des FreeJazz: kein Schepper-Schlagzeug, kein Bass, der irgendwas mit tiefen Frequenzen brummt, kein Piano, das Handkantenschläge als Cluster ausgibt.
Stattdessen viel Notenpapier, viel mehr als bei anderen; oft wird es an Stellen gewendet, wo man sicher war, eine Bahn der freien Improvisation beim Abflachen zu erleben.
Draksler Berlin

Punkt.Vrt.Plastik spielen, als hätten sie „On repeat“, die große Studie über Wiederholung in der Musik von Elizabeth Hellmut Margulis, inhaliert.
Kaja Draksler schlägt unentwegt melodische patterns. Kaum hat man die Wiederholung wahrgenommen, strickt sie schon an der nächsten Kette. Petter Eldh greift sie auf, um eine Sechzehntel verschoben. Den Rest macht Lillinger. Ein solches Klopfen, Schlagen, Hämmern, Zischen & Flackern kennt kaum Parallelen in der Jazzgeschichte.
Die Kraft des Ausdrucks, die Dringlichkeit der Mitteilung - dieser FreeJazz stellt eine Körperlichkeit aus, die zum headbanging einlädt.
Die Interaktion ist kaum zu überbieten. Und das Schönste dieser Art Kommunikation; die Beteiligten, insbesondere Draksler, zeigen ihre Freude am Gelingen.
Auch das viele Papier macht Sinn: punkt zwölf landen die drei auf dem Schlusston.
Bis zum Schluss, als Lillinger zwei Stücke von Petter Eldh ankündigt, ahnt man nicht, was wer geschrieben hat. Es sind wieder seine kleinteiligen Kinderlied-Motive, die auch in diesem Kontext betören.
Die gemeine Jazzkritik sieht - wie auch jetzt in Berlin wieder - den Jazz „in der Gegenwart angekommen“, wenn er sich auf einem HipHop-Beat platziert.
Punkt.Vrt.Plastik zeigen, dass man die Erneuerung eines Genres aus Bordmitteln bestreiten kann.
Man muss nur auf bestimmte Dinge entschieden verzichten und andere betonen.

erstellt: 05.11.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten