Joachim Ernst Berendt (1922-2000), der „Jazzpapst“, ist - auch dies eine Ausnahmestellung - mit zwei Jazzpreisen verbunden.
Den einen, den SWR Jazzpreis, hat er 1981 (damals SWF Jazzpreis) selbst begründet; dotiert mit 15.000 Euro und unbestritten eine der renommierten deutschen Auszeichnungen der Gattung.
Letzter Preisträger, 2017: Christian Lillinger.
Der andere, der Joachim-Ernst-Berendt-Ehrenpreis der Stadt Baden-Baden, ist weltberühmt an der Oos.
Er wird heute zum siebten Male vergeben, an - fasten seatbelts - Helge Schneider.
Laut Preisbegründung „Tausendsassa“, „Universalgenie“, „Ausnahmekünstler“ und des Schlimmeren mehr.
Ginge es nach dem Willen von JEB, niedergelegt in seinem Testament, dann wäre das nicht passiert. Dann wäre der SWR-Jazzpreis längst in einen Joachim Ernst Berendt Jazzpreis überführt.
Die Anstalt lehnte diesen letzten Willen, vorgebracht von Jadranka Marijan-Berendt, ab. Und wer den Grad der Zerrüttung zwischen SWF/SWR und seinem Mitbegründer von 1945 zum Zeitpunkt seiner Pensionierung 1987 auch nur oberflächlich zur Kenntnis nimmt, wird diese Entscheidung nicht gar so abwegig finden.
Ein gutes Jahrzehnt war dann Ruhe in der Kurstadt, jazzpreismäßig.
Da meldet sich ein lokaler Sänger & Entertainer, Marc Marshall, Sproß eines dem Jazz denkbar fernen Vaters, bei der Witwe: es sei doch schade, dass es keinen Jazzpreis im Namen ihres verstorbenen Gatten gebe. Er bittet um die Namensrechte, und die Witwe erteilt sie ihm formlos.
Jadranka Marijan-Berendt arbeitet als Atem- und Klangtherapeutin im Markgräflerland.
Jazz ist nicht ihre Welt; unter den Literaturempfehlungen auf ihrer Webseite befinden sich von den Werken ihres Gatten ausschließlich die aus der letzten, der esoterischen Lebensphase.
Drei Besuche bei Berendt-Preisverleihungen haben sie in ihrer Haltung bestärkt - sie lässt die Leute in Baden-Baden gewähren. Sie geht nicht mehr hin.
Auch demjenigen, der JEB zu Lebzeiten kritisch sah, wird blümerant, wenn er liest, wie man sich in Mr. M´s Jazzclub (so nennt sich das Kurhaus Baden-Baden während dreier Tage der Preisverleihung) an die Fama des „bis dato dienstältesten Jazzredakteurs der Welt“ heranwanzt.
Schon das Bemühen, in seinem Namen „international erfolgreiche Stars der Jazzszene“ zu dekorieren, ist vermessen.
Die erste Auszeichnung 2012 an Klaus Doldinger war frivol.
Nichts gegen eine Auszeichnungswürdigkeit Doldingers, aber bei JEB taucht er positiv nur einmal auf, in „Ein Fenster aus Jazz“ (1978) - in seinem wichtigsten Werk, dem „Jazzbuch“, aber gar nicht.
Es gab Jahrgänge mit den üblichen Verdächtigen: Wolfgang Haffner (2017), Nils Landgren (2016), Patti Austin (2015), Till Brönner (2014).
Die Preisträger 2013 (Paul Kuhn) und 2018 (Helge Schneider) aber sind die Brüller.
Ja, man hat beide schon in Jazz-Performances gesehen; ersteren mit der SFB Big Band, mit John Clayton oder auch Tony Lakatos; letzteren z.B. im Stadtgarten Köln zusammen mit der Kölner Saxophon Mafia.
Stadtgarten-Chef Reiner Michalke kennt ihn sehr gut; er betont, wie wichtig der Jazz „dem Helge“ sei. Er sagt aber auch, dass der Helge sehr wohl wisse, wieviel ihm zu einem wirklichen Jazzmusiker fehle. Er nennt ihn einen Jazzmusikanten.
„Wunnebar!“ (Lou van Burg, kann den JEB-Ehrenpreis nicht mehr bekommen.)
Paul Kuhn, der im Jahr der Auszeichnung starb, konnte sich immerhin noch öffentlich darüber wundern, wo doch Joachim Ernst Berendt ihn nie beachtet habe.
Helge Schneider hat in Peter Kemper einen Laudator, der in wenigen Tagen „Helge Schneider. 100 Seiten“ auf den (Buch)Markt bringt und darin atemlos die Wurzeln des Komikers freilegt: „…in der Alltagskultur des Ruhrgebiets, bei Jürgen von Manger, dem Clown Grock, dem Jazzpianisten Thelonious Monk, aber auch in der kynischen Rede eines Diogenes.“
Zum Jazzmusiker reicht das nicht.

erstellt: 08.03.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten