Zwei Konzerte von US-Jazzstars in der vergangenen Woche:
Chick Corea Acoustic Band am 8.7. in der Philharmonie Essen, das insgesamt 16. Mal beim Klavierfestival Ruhr.
An Evening with Pat Metheny am 13.7. in der Tonhalle Düsseldorf.
Corea in Essen 1 1
Von Chick Corea, meldet die Jazzpolizei, gehe keine Gefahr mehr aus. Die Jazzgeschichte sollte diesen zu den „erledigten Fällen“ (Eckhard Henscheid) rechnen und sich an die Aufarbeitung seiner Meriten aus frühen Jahren machen.
Chick Corea, das ist nichts als wohlfeiles Entertainment, ein Einlullen der Zuhörer mit gelackten Höflichkeiten (meist gehörtes Wort des Abends: „fantastic“), nun muss auch Dave Weckl brav ein Stück ankündigen (meist gebrauchtes Wort darin:...), der Bandleader sattelt sein Schlachtross „Spain“ nicht einfach mit dem „Concerto de Aranjuez“: er erklärt vorher, was ein jeder im Saal ohnehin erkannt hätte.
Wenn „das Publikum abholen, wo es ist“ solche Formen annimmt, dann belässt es man es lieber, wo es sich befindet - es findet auch eigenständig zu den Perlen.
Darf man dieses Trio mit dem offenkundig nicht mehr existenten Trio von Keith Jarrett vergleichen?
Man darf, man kann gar nicht anders (oder soll man als Referenz E.S.T. oder Tingvall oder Wollny heranziehen?).
Der Vergleich fällt nicht schmeichelhaft für CC aus. Man hat nicht den Eindruck, dass er mit seinem Material wirklich arbeitet, dass er notfalls für einen Einfall auch die Form über Bord wirft, um ihm nachzugehen. Wenig ist geblieben von der Dringlichkeit, die beispielsweise das Live-Album von 1991 auszeichnet.
Corea & Co. kleben risikoscheu in der Form, sie malen das Vorgegebene aus.
Bester Mann des Abends: John Patitucci; sein Ton auf dem Kontrabass ist delikat, die Intonation sauber, die Linien passgenau.
Und, von der Mimik her verbreitet er in jeder Sekunde den Eindruck, es gäbe nichts Schöneres auf der Welt, als in diesem Moment mit Chick Corea und Dave Weckl in Essen zu spielen.
Die Kunden waren´s zufrieden.
Die in der Tonhalle auch, auch sie gehobenen Alters, im lässigen outfit der Zivilgesellschaft, wie das heute heisst, und - mit erstaunlich hohem Frauenanteil (ja, man übersieht gern, dass der weibliche Anteil der Besucherschaft bei US-Stars gerne auf die 50-Prozent-Marke zugeht, ganz im Gegensatz zu den 70er und 80er Jahren).
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Auch Pat Metheny lässt keinen Zweifel zu, wer das Sagen hat; schließlich heisst die Veranstaltung „An Evening with Pat Metheny“.
Spät, nach dem einen oder anderen dejavú (das Quartett spielt ausschließlich bekannte Stücke in neuen Arrangements), als der Bandleader nach Duos mit Linda May Han Oh, b, bg, und Gwilym Simcock, p, sich Antonio Sanchez, dr, zuwendet, konnte man für bange fünf Minuten befürchten, er habe den Kontakt zu seinen beifallsbereiten Zuhörern verloren.
Da schraubt er sich mit dem Gitarren-Synthesizer höher und höher in der Expression, Sanchez kommentiert mit seinem umfangreichen drums set (darunter drei snare drums). Eine Interaktion, die sichtlich anders verläuft als an den Abenden zuvor, die sich schließlich in einem Ambient-Rauschen verliert und - Schrecksekunde - dann doch mit demselben Beifall quittiert wird wie die vielen schönen Darbietungen zuvor.
Eine gute Idee, das Quartett, in drei Duos aufzuspalten. Mindestens so oft tritt Metheny auch allein vors Publikum, am ergreifendsten mit einem Medley, aus dem er „This is not America“ (mit David Bowie, 1985) aufscheinen lässt. Der Name dessen, der gemeint ist oder den das Publikum meinen kann/soll, muss gar nicht erwähnt werden.
Ohnehin zeigt Pat Metheny über 150 (!) Minuten Gespür für Dramaturgie, weniger für die Architektur der Klänge. Seine Gitarre, jedenfalls im Ensemble, ist durchgängig zu laut und zu sehr von mittleren Frequenzen bestimmt.
Was er wirklich spielt, kommt eher solo oder in den „spitzen“ Klangfarben des Gitarren-Synthi zum Ausdruck.
Gwilym Simcock (er lebt jetzt in Berlin) kann mehr, als er hier zeigen darf, aber schon in seinen Nuancierungen wird klar, dass es keinen besseren Tastenspieler in dieser Band gegeben hat.
Wie gesagt, ein Querschnitt durch den Pat Metheny-Katalog, zurück bis zu „Bright Size Life“ (1975); der Elchtest kommt, wenn diese Band etwas spielt, was ihre zahlreichen Vorgänger-Formationen nicht kennen konnten.

 

erstellt: 15.07.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten