Der dritte Festivaltag war der Abend der Handwerker.
Ein ganz langjähriger Gewährsmann sah dort auch unter der neuen Leitung ein „ewiges“ Prinzip des Festivals gewährleistet, wonach am Festivalsamstag vor allem diejenigen angesprochen werden, die nur einmal im Jahr ein Jazzkonzert aufsuchen, beim Jazzfest resp. bei den Berliner Jazztagen.
Samstags in Berlin gibt sich der Jazz als großes Kino.
Jazzfest JazzmeiaDie Ultra-Präzision der WDR Big Band dürfte sie nicht verschreckt haben, möglicherweise halten sie auch die 27jährige Sängerin Jazzmeia Horn aus New York für einen neuen Star.
Auf dem Wege dorthin ist sie gewiss, sie hat mehrere Wettbewerbe gewonnen.
Aber fraglich bleibt, warum eine so junge Frau, stellenweise in manirierter Phrasierung, im Repertoire der Generation ihrer Eltern verbleibt und wenig von der Gegenwart erzählt.
Bobby Timmon´s „Moanin´“ (1957) trägt sie dabei in fast aufgekratzter Fröhlichkeit vor.
Ein auch gestisch überzeugenderes Klagen, ja ein Requiem brachte danach Jason Moran auf die Bühne, im Subtext ("The Absence of Ruin") auch eine Klage über den Mangel an afro-amerikanischen Gedenkstätten.
Es war ein neues unter seinen audio-visuellen Projekten über seine afro-amerikanischen Vorväter, diesmal James Reese Europe (1881-1919). Familienname und (ein) Wirkungsort stehen bei diesem Vertreter des early jazz in frappierender Kongruenz.
Europe gehörte im Ersten Weltkrieg zu den Kampfverbänden, zum 369. US-Infanterieregiment, den Harlem Hellfighters. Zugleich leitete er die gleichnamige Militärband, die vom französischen Publikum frenetisch gefeiert wurde.
Jason Moran reinszenierte dessen frühe Formen von Ragtime und Jazz, meist auf two beat-Basis, ergänzt um eigene, zeitgenössische Zwischenspiele, mit seinem Trio sowie sieben britischen Bläsern, darin zwei Blechbläserinnen.
Jazzfest Moran 2 1


Über die Videowand liefen Dokumentarbilder marschierender Truppen sowie, besonders eindrücklich, Porträts der einzelnen Hellfighters-Musiker).
Zum Schluss, Moran spielt ein Wiederholungsmotiv, das Bühnenlicht ist geloschen, lösen sich die Live-Musiker von ihren Plätzen und gruppieren sich, einer nach dem anderen, um Moran´s Flügel -
dessen Konturen von einem Leuchtring nachgezeichnet werden.
Ein starker Moment.




Die Pressekarten waren in diesem Jahr stärker kontingentiert, die Jazzpolizei hatte leider keine Karten für das sich anschließende Konzert des Maciej Obara Quartetts auf der Seitenbühne des Festspielhauses.
Die Berichte von Kollegen, die Minen der aus dem Saal Strömenden legten unmissverständich nahe: es muss klasse gewesen sein.
Schlagzeuger in dieser polnisch-norwegischen Band ist Gard Nilssen - mit dem kann nichts schiefgehen.

erstellt: 05.11.18
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