Kinder, wie die Zeit vergeht!
50 Jahre soll es her sein, dass Bitches Brew in die Läden kam…
Und doch war es so: am 30. März 1970, heute vor 50 Jahren_
Nicht, dass es gefühlt erst gestern gewesen wäre. Aber das klingende Original und seine Folgen sind gleichsam zeitlos präsent.
Die Folgen für den Jazz hat ein jeder im Ohr, der/die sich in unsere schöne Gattung hineingewühlt hat. Für nicht wenige war es eine Initiation, die Eintrittskarte.
Folgen hatte die ursprünglich als Doppel-LP vorliegende Edition aber auch jenseits unserer kleinen Welt.
Santana, Sting, die Talking Heads und etliche andere haben auf „Bitches Brew“ Bezug genommen, für Radiohead war es laut eigener Aussage der Kern des Konzeptes für „OK Computer“ (1997).
(Ausgerechnet Donald Fagen siedelt mit einem negativen Urteil am anderen Ende der Fahnenstange.)
„Bitches Brew“ ist einer von mehreren Meilensteinen von Miles Davis für die Jazzgeschichte; trotz der Nähe zur Rockmusik aber keineswegs seine populärste Aufnahme.
Das bleibt „Kind of Blue“ von 1959 mit über 4 Millionen verkauften Exemplaren.
„Bitches Brew“ ist aber nicht nur musikalisch ein Highlight, z.B. wegen der Verschmelzung von Jazz- und Rock-Elementen, sondern auch wegen der Produktionstechnik.
Nie zuvor wurde eine Jazzaufnahme so sehr in der Nachbearbeitung, in der sogenannten Post-Production, geformt wie „Bitches Brew“.
Keiner der an den Sessions zwischen dem 19. und 21. August 1969 im Columbia Studio B in New York City Beteiligten hat die Aufnahmen so gehört wie die Plattenkäufer ein halbes Jahr später.
Josef Zawinul, einer von drei Elektro-Pianisten (es gibt keinerlei Elektronik auf „Bitches Brew“) fand die Aufnahmen „nicht aufregend genug“.
Als ihm kurze Zeit später in den CBS-Büros „unglaubliche Musik“ zu Ohren kommt und er nach dem Künstler fragt, konnte die Verblüffung größer nicht sein:
es war „Bitches Brew“.

cover BB
Buchstäblich von Hand geformt von Teo Macero (1925-2008), Miles Davis über einen Zeitraum von 25 Jahren in einer Haßliebe verbunden.
Der word count zwischen beiden, den Macero auf „20 Worte in drei Stunden, wenn´s hoch kommt“ veranschlagte, wuchs in jenen August-Tagen allerdings dynamisch in allen Parametern. Wären die Mitmusiker nicht dazwischen gegangen, hätten die beiden in einen ungeregelten Faustkampf sich verbissen.
Dabei ging es, logo, nicht um Musik. Miles hat vieles abgenickt, was Teo ihm vorschlug (und er hat dabei die Jazzgeschichte auf seiner Seite).
Er wusste, wen er vor sich hatte: einen Produzenten, der sich mit keinem Geringeren als George Martin auf gleicher Höhe sah (und tatsächlich den britischen Kollegen bei der Arbeit in den Abbey Road Studios beobachten durfte; die Beatles fand er übrigens „lausig“).
„Bitches Brew“ ist sein Werk, das Werk von Teo Macero. Es ist das Produkt einer Umgruppierung von Bandmaterial durch copy & paste, an drei Bandmaschinen und so virtuos, dass der englische Komponist Paul Buckmaster (der später auf Miles stieß) zum Beispiel in „Pharaoh´s Dance“ eine Sonatenform entdeckt haben will.
Es war nicht die Premiere dieser Produktionsästhetik („In a silent Way“ wenige Monate zuvor ist ähnlich entstanden), wie überhaupt es kein „first“ auf „Bitches Brew“ gibt.
Rock-Rhythmen, in gewisser Weise auch Funk, gab´s bei Miles zuvor, ebenso Elektropianos und große instrumentale Augenblicke.
In „Bitches Brew“ kulminiert diese Entwicklung, es ist ein Gipfel, keine Premiere.
Bei Ian Carr (dessen Miles Davis-Biographie), Marcel Cobussen („The Field of Musical Improvisation“), Paul Tingen
 und anderen kann man sich klug lesen dazu.
Und wird das Rätsel nie lösen (allein schon die Angaben von Josef Zawinul widersprechen sich).
Die Legende lebt. Wowereit (=und das ist auch gut so).

podcast SWR2

erstellt: 30.03.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten