Gestreamt haben´s beide, wohl wahr, das 31. Schaffhauser Jazzfestival (13.-16.5.20) sowie das 49. Moers Festival (29.5.-
1.6.20).

Aber produktionsästhetisch könnten sie - auch abseits ihrer divergierenden musikalischen Gehalte - kaum unterschiedlicher vorgegangen sein.

Die Musiker waren´s zufrieden.
Wer könnte es ihnen verdenken?
Durften sie doch nach 12 Wochen Corona-Pause endlich wieder auf eine Bühne und also Einkommen aus ihrer Haupterwerbsquelle erzielen.

In Schaffhausen lautete das Prinzip: Aufnahmezeit ist nicht Performance-Zeit.
Lediglich ein act (von dreien pro Abend) fand live und direkt in der alten Kammgarnfabrik statt.
Die Mitwirkenden der anderen konnten sich ihre Aufzeichnung auf dem Monitor anschauen.

Was sie dort sahen, war eine Konzentration auf das Wesentliche, eine Black Box-Situation: die Bühne, durch das Logo und bestenfalls durch Lichtstrahl illuminiert, eine unaufgeregte Bildführung, die sich auf die Ausübenden beschränkt (und erstaunlicherweise schon deshalb Standards setzt, siehe unten); der Ton, wie üblich in Schaffhausen, gut.

Dabei hatte man, wie Festival-Co-Chef Urs Röllin einräumt, in puncto Streaming 30.000 SFR in bestenfalls „Feld-, Wald- und Wiesentechnik“ investiert.

In Moers war´s in beinahe jeder Hinsicht umgekehrt:
what you see, is what they play - right now.
Für die weltweite Diffusion sorgte Arte Concert, der Internetableger des deutsch-französischen Kulturkanals.

Musiker…Innen wechselten sich auf zwei Bühnen ab.

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Offenkundig hielt die Festivalleitung - allem Propagandageschrei zum Trotz - so wenig von deren visueller Attraktivität, dass sie sie nicht nur mit dem berühmt-berüchtigten, öffentlich-rechtlichen Schwenk- und Schnittsalat aufbrezeln mochte, sondern von einer Parallel-
handlung permanent überlagern, unterbrechen, konterkarieren ließ.

Ausführender dieser banalen Verrichtungen war ein kleiner, rundlicher Perückenträger im Glitzeranzug, im Kontrast zu seinem offenkundigen Geschlecht Miss Unimoers genannt.

Miss Unimoers war vier Tage lang präsent.
Den Menschen an den Monitoren blieb nichts anderes, als diesen spezifisch nieder-
rheinischen Beitrag zum Queerness-Diskurs in Kauf zu nehmen. Bis der Mann zum Schluß unter aller Augen seiner Bühnenkleidung sich entledigte, inklusive Austausch der Unterwäsche, um dann in Räuberzivil die Wirkungsstätte zu verlassen.

Miss Unimoers war vier Tage lang präsent, und - man kann es nicht genügend preisen - dabei durchgehend stumm.
Nicht auszudenken, hätte sich ihr „pitched mouth noise“ (Frank Zappa) noch zu jener Realsatire addiert, von denen die Wortäußerungen auf Arte Concert ganz überwiegend geprägt waren.

Wer den Niedergang der deutschen Jazzpublizistik beklagt, der wird dieses 49. Moers Festival als den Ort archivieren, wo sie mit Hilfe des deutsch-französischen Kulturkanals treffsicher den Hallenboden durchschlagen hat. RBB24, die Webseite von Radio Berlin Brandenburg, lag mit der Einschätzung "unterirdisch unprofessionell" zumindest tendenziell richtig.

Wohl nie zuvor ist die Avantgarde der Improvisierten Musik derart banal, unwissend, ja unwürdig präsentiert worden.
Wohl nie zuvor auch präsentierte sich ein Festival bis zur letzten Bühnenassistentin derart besoffen von Selbstlob.

Und das ging nicht einmal auf das Konto eines aus der Riege der alten weißen Männer, die sonst für viel Übel in unser kleinen Welt sorgen, sondern auf das des mit seinen 53 Jahren immer noch jugendlich wirkenden dritten Moerser Festivalchefs Tim Isfort - von Hause aus Bassist.

Dass ein Musiker - nun in anderer Rolle - seinen KollegInnen eine Moderatorin zumutet, die einräumt, von Musik keine Ahnung zu haben und ihr Gegegenüber gerne nach der Qualität des Catering fragt; dazu zwei weitere Gestalten, die in einem deutsch-französischen Dialog den nächsten Programmpunkt als Musik ankündigen, zu der sie sich bevorzugt die Fingernägel lackierten (gemeint das deutsch-amerikanische Trio Loren Stillman/Robert Landfermann/Jonas Burgwinkel) - man träfe gerne das Geisteskind, das solcherlei Humor goutiert oder gar passend zur Musik findet.
Noch lieber aber wünschte man sich als Zuschauer - schon zu seinem eigenen Schutz - Musiker, die künftig per Vertrag untersagen, dass ihre Arbeit von solchem Unflat umspült wird.

erstellt: 06.06.20
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