What you have missed: Fred Hersch Trio, Klavierfestival Ruhr

Solche Ansagen werden jetzt Standard: ein Konzert, zweimal verschoben. Aber dass der Künstler eröffnet, dies sei sein erstes Konzert in 16 Monaten, das dürfte auch unter Pandemiegeschädigten selten sein.
Zumal es sich keineswegs um einen Newcomer handelt, sondern um den filigransten einer unter den filigranen Jazzpianisten. Der, gesegnet mit einem riesigen Backkatalog, obendrein mit einem Album aus den Monaten des öffentlichen Stillstandes sich melden konnte („Songs from Home“, 2020).
Der Wiedereintritt von Fred Hersch in die Bühnenwelt geschieht, fernab von Manhattan oder seinem retreat in Pennsylvania, an einem Ort, der auch in good old Germany nicht zu den ganz naheliegenden Jazzadressen zählt:
das Haus der Ruhrfestspiele in Recklinghausen.
Einst gegründet als sehr spezifische Initiative, um auch die Kumpels in die Nähe moderner Performancekünste zu bringen, ist das Haus seit seinem Neubau 1960 von anderen Tempeln des Bildungsbürgertums nicht mehr zu unterscheiden. Auch es liegt auf einem „grünen Hügel“; vor dem lichtdurchfluteten Foyer grüßt die „Liegende Nr. 5“ von Henry Moore.
Die Jazz-Affinität des Hauses liegt andererseits darin begründet, dass es zu den Austragungsorten des Klavierfestivals Ruhr zählt. Dessen "jazzline" hält zwar die zu erwartenden butterweichen Angebote von Götz Alsmann bis Chick Corea bereit, hat aber zum Beispiel einen Gwilym Simcock früher entdeckt als manche amtliche Jazzstätte.
Nun also Fred Hersch. Es erscheint ein sichtlich von überstandener Krankheit gezeichneter Mann, der einen Extrabeifall erhält, nachdem der Festivalchef Franz-Xaver Ohnesorg enthüllt, er habe nicht verhehlt, unter „Einsamkeit“ gelitten zu haben.
Hersch hat nicht die Begleiter mitgebracht, denen wir das famose Album „Live in Europe“ verdanken, sondern Drew Gress, b, und Joye Baron, dr. Mit letzterem, so erinnert er in einer Ansage, habe er schon 1986 gespielt („damals am Baß Charlie Haden!“).
Baron ist fast immer ein Gewinn. Er kann so vieles, er beginnt den opener „From this Moment on“ (Cole Porter) mit nichts als seinen Händen, zu den sticks greift er erst später. Joey Baron dürfte auch insofern einer der didaktischsten Jazzmusiker sein, als er gelingende Momente gerne mit mimische Ausdrücken der Freude quittiert.
Was Drew Gress über den jeweiligen Fortgang denkt, gibt er nicht zu erkennen. Und ob auch er ähnlich ein Gewinn war, ließ sich auf Platz 1 in der Reihe 15 des akustisch wie optisch eigentlich vorzüglichen Festspielhauses nicht mit Sicherheit beurteilen. Der Kontrabaß drang dort nicht hinreichend durch.
fred hersch trio REFred Hersch, das bedeutet nicht nur hohe Anschlagskultur, ein harmonisch nunanciertes Ausdeuten, übrigens immer tonal, selbst in einem Moment, wo man nicht weiß, agiert die Rhythmusgruppe noch rubato oder doch schon frei-metrisch?
Die halbe Miete bei Fred Hersch ist immer auch seine Selektion, also nicht nur wie er spielt, sondern auch was er spielt. Wie immer ist Monk dabei („Blue Monk“), aber auch drei Widmungen an ihn oder auch - er nennt das „kontra-faktisch“ - die beliebte Praxis aus dem Bebop, Harmoniefolgen aus bekannten Stücken neue Themen aufzusetzen (hier zweimal zu Irving Berlin).
Das ist jazzman-like. Im zweiten Stück und in der Zugabe aber demonstriert er den traumhaften Umfang des Great American Songbook. Es sind in seiner Bearbeitung zwar „Songs without Words“, wie eines seiner Alben heißt, aber für ihn hätten sie auch „meaning“ (was Europäer nicht so leicht nachvollziehen können).
Und treffender als mit dem „Wichita Lineman“ (Jimmy Webb, 1968) hätte er dies nicht zum Ausdruck bringen können, ein allein schon akustisch ergreifendes Stück über die Einsamkeit desjenigen, der in den Weiten von midwest America Telefon-Leitungen und -Masten prüft.
Für „And so it goes“ von Billy Joel kehrt Fred Hersch allein auf die Bühne zurück. Danach kann man nicht mehr, danach muss man nichts mehr spielen. Das Publikum auf seinen personalisierten Plätzen erklatscht noch eine tiefe Verbeugung der drei.
Das reicht.

Foto: Sven Lorenz
erstellt: 01.07.21

©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten


Drucken   E-Mail