"Ihre Politik spaltet unser Volk"

Verschwörungsleugner.
Die Jazzpolizei kannte das Wort gar nicht.
Aber jetzt, da Markus Stockhausen es ausgesprochen hat, bekommt es doch einen guten Klang.
Man darf es sogar als Auszeichnung auffassen.
Und nicht nur unsereins kann sich damit schmücken, sondern gut 70 Prozent der „vollständig geimpften Personen bundesweit“ (Corona.app), in Stockhausen´scher Taxonomie freilich „die Masse der Menschen“, die sich „dem Druck beugen“, die dazu neigen, „viel zu viel unhinterfragt zu akzeptieren und sich bevormunden zu lassen“.

Stockhausen gehört nicht dazu. Er pariert mit dem schönen, neuen Begriff in einem Interview mit der Welt den Vorhalt, seine Ausführungen klängen „aber sehr nach Verschwörungstheorie“.
Und dann entfährt „eine(m) der renommiertesten deutschen Jazztrompeter“ (Welt) der denkwürdige Satz:
„Wir haben zu viele Verschwörungsleugner, die sich weigern, die Hintergründe zu erforschen“.
Vulgo, hier haben wir einen Verschwörer vor uns, der nicht nur der großen Gruppe der Geimpften, sondern auch den Fachleuten (nennen wir sie der Einfachheit halber „die Drostens“) zeigt, wo es langgeht.
Das tut er im „Welt“-Interview, noch sehr moderat. Das tut er ungebremst in einem Offenen Brief vom 3.1.22 auf seiner Webseite, gerichtet an „alle MdB, das BMG, das Paul-Ehrlich-Institut, das Robert-Koch-Institut und die Presse“.
Die Sprache, die einer der bekanntesten deutschen Jazzmusiker darin wählt, stellt sicher, dass der Inhalt wiederum ungebremst in die Papierkörbe wandert; eine neue Variante der schönen Beobachtung von Jürgen Kaube ("Der Künstler X protestiert, und die Kanzlerin merkt nichts davon").
„…es tut mir leid, aber ich muss es klar sagen: Mit der von Ihnen geforderten Zwangsimpfung und den aktuell angewandten Maßnahmen werden Sie unser Land und das Deutsche Volk ruinieren, körperlich, geistig, moralisch und auch materiell. Sie unterwerfen sich den Interessen der ´The Great Reset´ – Globalisten. Ihre Politik spaltet unser Volk“.
Es folgt ein Kompendium, in dem nichts fehlt, was eine bestimmte Gedankenwelt nun mal bevölkert, von Dr. Matthias Rath bis zum Lübecker Flughafen-Impfer Winfried Stöcker. Zum Schluß tischt Stockhausen eine authentisch anmutende Tabelle der WHO auf, wonach die Covid-19-Impfstoffe in nur zwei Jahren mit immensem Vorsprung (2.457.386 Fälle) die Charts der Nebenwirkungen aller Impfstoffe seit 1968 anführen. Aus den „potencial side effects“, von denen die WHO spricht, werden bei Stockhausen „registrierte Nebenwirkungen und Todesfälle“.
Die Jazzpolizei hat die Statistik unter der angegebenen Webadresse nicht auftreiben können. Wohl aber ist sie mit wenigen clicks beim SWR oder auch beim Paul Ehrlich Institut auf Zahlen gestoßen, die Anlass geben, die Nummernrevue auf der Stockhausen-Seite als Produkte aus dem Reich der Träume einzutüten.
Der „internationale Solist“ steht nicht allein. Als solcher firmiert er unter den Unterzeichnern des Manifest - Musik in Freiheit, die - wohl weil Stockhausen viel lauter tönt - inzwischen auch seinen Offenen Brief posten.
Zwar ist auch das Manifest von einem eher romantischen Politikverständniss geprägt, aber andererseits motiviert von einem nachvollziehbaren Zorn der MusikerInnen über ihre prekäre Lage in der Pandemie.
Die Deutsche Jazz Union, der manche von ihnen angehören, macht sich diesen Tonfall nicht zu eigen. Sie beschränkt sich auf praktische Forderungen und weiß sehr wohl zwischen der Ursache der Pandemie und den Methoden ihrer Bekämpfung zu unterscheiden.
Möglicherweise kommt auch dort der eine oder die andere ins Grübeln über den Anspruch als „politische Herolde“, den viele Jazzschaffende als Teil ihres Berufsbildes empfinden.
Bis dato reichte es meist, „das Politische“ des eigenen Handelns quasi wie einen nicht-ausgeführten Groove mitschwingen zu lassen. Ohne seinen Inhalt konkret zu benennen. Es bestand ja nie Anlass dazu.
Offener Brief & Manifest aber sind nun zweifellos politische Aktionen. Den meisten JazzmusikerInnen dürften sie super-peinlich sein.
Sie müssen sich ihnen politisch stellen, sie können sie nicht musikalisch verdrängen.

erstellt: 07.01.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten