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Corona, so wird die Kanzlerin häufig zitiert (die wahre Autorenschaft aber liegt bei Olaf Scholz), sei „die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“.
Auf gut Deutsch: es wird improvisiert wie almost never before in history, on a very grand scale.
Auch das „I“-Wort sickert mehrt und mehr durch.
Manchem Analysten, will es scheinen, liegt´s schon auf den Lippen, und es hätte nur eines kleinen Anstoßes bedurft, um es auch wirklich auszusprechen.
Der Gedanke immerhin ist schon vorhanden.
Das heißt aber auch: der Jazz verliert, as never before in history, das, was viele in unserer kleinen Welt für sein Alleinstellungsmerkmal halten: die Definitionsmacht über den Begriff Improvisation.
Wer will noch über „improvisus“ = das Unvorhergesehene im Jazz nachdenken, wenn alle Welt, vom „Schrauben-König“ (FAS) Reinhold Würth („So etwas habe ich noch nicht erlebt“) bis zum Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Peter Tschentscher („Das konnte keiner wissen“), die Voraussetzungen des Improvisierens in so dramatisch größerer Münze ausgeben?
Waitaminute, Rettung naht.
In Gestalt eines der Soziologen der Stunde, nicht Armin Nassehi, nicht Hartmut Rosa, sondern Heinz Bude.
Für Angela Merkel, so jedenfalls hat es die FAS (12.04.20) gehört, habe er einen Tipp für die Zeit, wenn die Einschränkungen gelockert werden:
„Bald sollte die Bundeskanzlerin eine Ansprache halten und sagen: ´Bitte konsumiert!´“
Der „Hunger nach Leben“, so schränkt auch Bude ein, werde sich auf absehbare Zeit nicht bei Fußball, Karneval etc. äußern können -
„deshalb werde sich der neue Lebenshunger, glaubt der Soziologe, zunächst eher in der Tonlage des Cool Jazz äußern.“
Lee Konitz, 92, hat diese gute Nachricht nur um wenige Tage überlebt.

erstellt: 13.04.20/ergänzt: 16.04.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten

PS: Andy Hamilton´s aufschlußeicher Interviewband mit Lee Konitz
     "Conversations on the Improviser´s Art", steht bis zum 30.06. online, kostenlos.