Frage an Radio Eriwan: bedarf es einer gender-neutralen Jury, um eine Jazzmusikerin mit dem SWR Jazzpreis auszuzeichnen?
Antwort von Radio Eriwan: im Prinzip nein.
Julia Hülsmann (2016), Ingrid Laubrock (2009), Aki Takase (2002), Sybille Pomorin (1988) sowie Gabriele Hasler (1984) wurden von Männer-dominierten Juries ausgewählt; aufgestellt meist - im Sinne von Heinrich Böll - als Gruppenbild mit Dame.
2019 markiert eine Zäsur, in mehfacher Hinsicht.
Liz Kosacks Maske Nummer 7Prämiert wird eine Musikerin, die selbst diejenigen, die sie erlebt haben, nicht wiedererkennen:
sie trägt auf der Bühne Masken.
„Mit ihnen gibt sie ihrer Arbeit eine zusätzliche ästhetische Dimension; spielt mit verschiedenen Identitäten und hinterfragt spielerisch auch ihre Rolle als Musikerin.“
Beim letzten Jazzfest Berlin konnte man sie in einem Ensemble Gleichgekleideter unter der Hauptbühne erleben: Liz Kosack, 35, keyb, aus Maine/USA, seit 2013 lebt sie in Berlin.
Sie hat sich nun im Wettbewerb gegen Simon Nabatov,p, und Elisabeth Coudoux, vc, behauptet.
"Liz Kosack ist eine bemerkenswerte Künstlerin, die eigene Akzente in der Jazzszene Deutschlands setzt. Expressiv und klangvirtuos gestaltet sie musikalische Welten, regt neue und oft überraschende Hörerfahrungen an.“
Selbstverständlich „überschreitet die Keyboarderin nicht nur stilistische Kategorien, sondern auch Genregrenzen.“
Nun hat man sich seit langem an Jury-Begründungen als eine sehr eigene Textsorte gewöhnt. Am Votum 2019 jedoch fällt auf, dass man ihm außerhalb Berlins kaum folgen kann.
Die Radien von Liz Kosack´s vielfältigen Aktiviäten sind auf die Hauptstadt beschränkt - und auf New York City. Das spricht nicht unbedingt gegen die Bedeutung der Preisträgerin, sondern zeugt vielleicht von der Unaufmerksamkeit der Beobachter.
Was SWR2 ihnen allerdings in einem Kurzporträt als akustischen Beleg liefert, enthält Klänge - ja, aber nicht in den Steigerungsstufen „expressiv und klangvirtuos“.
Die Autorin des Beitrages wird als „advisor“, als Beraterin, im Impressum des Jazzfest Berlin 2018 geführt, Liz Kosack´s bedeutendstem Konzert; in der Jury sitzt sie nun als eine von „zwei unabhängigen Musikkritikerinnen“.
Darin mag man ein Geschmäckle sehen. Darin, dass das Geschlechterverhältnis in Baden-Baden erstmals umgekehrt ist, 4:3 - nicht.
Der SWR Jazzpreis 2019 ist mit 15.000 Euro dotiert, er wird zu gleichen Teilen vom SWR und vom Land Rheinland-Pfalz gestiftet.
Die Auszeichnung an Liz Kosack wird am 7. November bei einem Konzert im Rahmen des Festivals "Enjoy Jazz" in Ludwigshafen übergeben.

PS: ein Unterstützer der Preisträgerin hat ein YouTube-Video nachgereicht.

erstellt: 12.05.19
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