Zu den Forderungen der neulich in Deutsche Jazz Union umbenannten Union Deutscher Jazzmusiker gehört eine
"gleichmäßige Besetzung mit Frauen und Männern in ent-
scheidungsrelevanten Gremien wie Jurys oder Kommissionen“.
„In einem paritätisch besetzten Gremium“, so die Annahme, „können Entscheidungen am ehesten unabhängig vom Geschlecht getroffen werden.“
Das prominenteste unter den in Frage kommenden Gremien dürfte die Jury sein, die zweijährlich den von GEMA und GVL gestifteten und mit 15.000 Euro dotierten Albert Mangelsdorff Preis vergibt.
Sie kann - weil aus sieben Mitgliedern bestehend - paritätisch nicht besetzt werden.
2019, immerhin, wurde der weibliche Anteil von zwei auf drei gesteigert (Nadin Deventer, Jazzfest Berlin; Ulrike Haage, Musikerin und Preisträgerin 2003; Kornelia Vossebein, Bundesjazzkonferenz).
Intern liest sich das als „paritätisch plus“: drei Frauen, drei Männer plus Nikolaus Heuser (Juryvorsitz und zugleich Vorsitzender der Deutschen Jazz Union).
Paul Lovens 1

 

Die Wahl von Paul Lovens, 70, als Preisträger 2019 dürfte kaum als kontrovers, sondern als berechtigt aufgenommen werden.
Sie steht im Einklang mit früheren als Auszeichnung für ein Lebenswerk.
Ob der Aachener Schlagzeuger wirklich „Genregrenzen neu definiert“, wie die Jurybegründung ein wenig ungeschickt formuliert, sei dahingestellt.
Ganz sicher ist er ein „Virtuose des Ensemblespiels“.
Mit Lovens wird zudem gewissermaßen ein Kapitel geschlossen:
nach Alexander von Schlippenbach (1994), Peter Kowald (1995), Gunter Hampel (2007) und Peter Brötzmann (2011) kommt nun einer der letztmöglichen aus der deutschen Abteilung des europäischen FreeJazz zu Ehren.
(Auch die beiden ostdeutschen Preisträger Ulrich Gumpert, 2005, sowie Ernst-Ludwig Petrowsky, 1997, zählen zu dieser Linie.)

 

Viel spannender aber ist die Frage:
Who´s next, 2021?
Die Webseite der Deutschen Jazz Union kennt immerhin schon das Geschlecht:
„Frauen und Männer werden jeweils im Wechsel ausgezeichnet.“
Waitaminute - wie verträgt sich dieser m/w/m/w/-Automatismus mit der Prämisse
„Entscheidungen am ehesten unabhängig vom Geschlecht (treffen)“?
Wie lange will man 50/50 unter den PreisträgerInnen durchhalten in einer Szene, deren reale m/w-Proportion derzeit mit 80/20 beschrieben wird?
Wer will den Preisträgerkandidatenstau im Jahre 2025 verantworten?
Und der Name: Albert Mangelsdorff Preis!
Ließe sich der nicht in „geschlechtergerechter Sprache“ darstellen?

erstellt: 02.09.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten