Es spricht manches dafür, den eintägigen Platzhalter zwischen den dreitägigen Jazzfestivals Münster (in den ungeraden Jahren) nicht mehr nur „Jazz In Between“ zu nennen, sondern die Verbindung zur Hauptsache nunmehr auch im Titel kenntlich zu machen: Jazzfestival Münster „shortcut“.
Zumal die Programmarbeit, wie Festivalchef Fritz Schmücker betont, von denselben Leitlinien bestimmt sei: Vielfalt (zumeist von europäischen Ensembles) und Deutschlandpremieren.
Es sind dies sehr formale Konzepte, zu deren Schattenseiten in Münster - in geraden wie in ungeraden Jahren - mitunter Fragwürdigkeiten, ja Abstürze gehören.
Die Atmosphäre im Theater Münster ist anregend, die Stimmung bestens, die Zuhörer applaudieren alles durch, was ihnen Schmücker in ausführlichen persönlichen Worten serviert, wobei er sie geradezu an die Hand nimmt; kein Wunder, dass die Musiker in soviel Wohlwollen baden.
Der Kritiker aber muss die Begeisterung nicht teilen, er muss der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes gerecht werden und Unterschiede nicht einfach nur feiern, sondern markieren.
Dabei begann „shortcut“ bestens, mit Jazz auf der Höhe der Zeit, Post Free Jazz um genau zu sein, in konzeptionell und handwerklich kaum mehr zu überbietender Dringlichkeit.
Dem Auftritt von Koma Saxo liefen allein schon deshalb große Erwartungen vorauf, weil das Debütalbum des schwedisch-finnisch-deutschen Quintetts von stellenweise starken elektro-akustischen Transformationen lebt, von Strukturen, die live gar nicht darstellbar sind.
Wie würde man das auf der Bühne lösen?
Indem man völlig drauf verzichtet!
Es brauchte ein paar Minuten, um sich die drei Saxophone (Jonas Kullhammar, Otis Sandsjö, Mikko Innanen) transparent zu hören. Hilfreich dabei, dass sie sich zunächst auf eine Art Fanfaren-Melodik beschränkten, ein melodisches Hupen, wie man es aus den 80ern von Pigbag sowie aus Teilen der Minimal Music kennt.
Ebenso hilfreich, sich zunächst auch an die Rhythmusgruppe zu halten, an Petter Eldh, b, und Christian Lillinger, dr. Sie überfallen einen mit einem Gewusel aus drum´n´bass, swing, Rock und frei-metrisch, das begrifflich noch gar nicht erfasst ist.
Üblicherweise schreit man in einem solchen Fall, Musiker dieses Kalibers seien „ihrer Zeit voraus“. Nein, sie markieren unmittelbar das Hier & Jetzt. Koma Saxo ist Jazz-Gegenwart. Was sie morgen machen, wissen sie selbst nicht. Ob ihnen andere folgen werden (oder können), ist ebenso ungewiß.
Koma Saxo MS 1

Irgendwann schälen sich aus der kompakten Sax-Attacke Individuen heraus:
Mikko Innanen an Sopranino-, Alt- und Baritonsax, Otis Sandsjö mit den für ihn typischen multiphonics, Jonas Kullhammar am Tenor, der gelegentlich auch eine hohe Flötenstimme obenauf legt.
Das Quintett spielt Stücke aller Mitglieder (und dazu anderer schwedischer Komponisten). Petter Eldh sagt sie an und druckst herum, er sei eigentlich nicht der Bandleader. Andere Leader würden´s dabei bewenden lassen. Aber spätestens, als er Christian Lillinger als „from East Germany“ lokalisiert, ahnt man: da kommt noch mehr.
In der Tat; Eldh, der auf der Bühne normalerweise stumm seine virtuosen Dienste versieht, hat sich auf seine neue Rolle vorbereitet. Sein Modell ist ein britischer Comedian (den wir nicht kennen), sein running gag in Münster war „the West Coast of Sweden“.
Das Publikum erkannte: hier darf man lachen. Der Höhepunkt war erreicht, als Eldh über einen der Fremd-Komponisten spricht, verstorben in Stockholm, „but he kept a boat at the West Coast of Sweden“.
Danach schütten die Bläser einen Choral in ihren Kanon-Zerhäcksler, und die Rhythmusgruppe feuert darunter ein wechselndes Pattern nach dem anderen.
Pause.
Dann Arielle Besson, tp, und Lionel Suarez, bandoneon, aus Frankreich. Ja, diese Kombination ist neu, aber was sie spielen, ist bestens vertraut. Sie setzen auf Repetition (wie vor ihnen Koma Saxo), aber nahezu jede Wendung, jede Variation kommt wie erwartet.
Das Entzücken resultiert weniger aus dem Was, sondern aus der Präsentation. Die beiden versprühen eine Freude, als sähen sie sich das erste Mal (und nicht seit zehn Jahren). Vor allem Madame ist tres charmant.
Gelobet seien die, die an einem solchen Abend auf jeden Programmpunkt separat sich einstellen können, die so tun, als hätten sie vorher gar nichts gehört.
Der Kritiker wünscht, er wäre darin begabt wegzuhören, was alles falsch war, als schlußendlich Hank Roberts (ja der of Bill Frisell fame) mit italienischen Musikern in schläfriger Bräsigkeit versank. Von Groove und sauberer Intonation haben alle noch nie was gehört.
Man konnte der Idee verfallen, den Bandnamen Pipe Dream in einer sehr volksnahen Übersetzung zu verstehen.
Ein Absturz, ohne Frage.

erstellt: 06.01.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten