Wer in Monheim steht am Rhein (am besten dort, wo man die „Kulturraffinerie K714“ im Rücken hat) und den flachen Bogen auf sich wirken lässt, den der Fluß hier beschreibt, der wähnt sich am Niederrhein.
Der subjektive visuelle Eindruck stimmt aber nicht mit der geographischen Ordnung überein, wonach (das ahnt der Besucher) der Niederrhein weiter flussabwärts beginnt, frühestens ab Düsseldorf oder Duisburg.
Wikipedia aber belehrt ihn (& auch sie), dass die Region, die der Begriff zu beschreiben meint, keineswegs so klar umrissen ist, sodaß hinsichtlich ihrer Eigenschaften (ja, ja, ja) alles im Fluß ist.
Das ist eine schöne Metapher für den Reporter, z.B. aus der hochmütigen Jazzmetropole Köln, auf dem Weg zur ersten Pressekonferenz der Monheim Triennale. Er muss Dinge in Einklang bringen, die seiner Erfahrung mit Kulturorten widersprechen.
Sie sagt zum Beispiel, dass auch kleinere Städte bedeutende Jazzfestivals beherbergen können: Altena früher, Moers immer noch, und noch kleiner das Dorf Diersbach in Österreich die „Inntöne“.
Das alles sind pittoreske Gemeinden.
Wer sich der 43.000 Einwohner Stadt Monheim mit Bahn & Bus nähert, freut sich bestenfalls über den kleinen Elektrobus, der kostenlos und demnächst auch führerlos durch die Stadt rollt.
Die Monheim Triennale empfängt an einem Ort, der kunstferner nicht sein könnte, in einem Cafe von Sperrmüllmöbel-Charme, an einem Platz mit türkischen Lebensmittelschäften, benannt nach einem historischen Sozialdemokraten.
Der Bürgermeister der Stadt ist von den anwesenden JournalistInnen, gekleidet in Räuberzivil, nur zu unterscheiden, weil er ihnen gegenübersitzt, neben dem Intendaten Reiner Michalke, aus Köln.
Dieser Daniel Zimmermann, 37, ist das personifizierte Understatement; die Fallhöhe zu dem, was er repräsentiert, gigantisch. 2014 wurde er mit einem Ergebnis im Amt bestätigt, das einen Bodo Ramelow vor Vergnügen nicht in den Schlaf kommen ließe: 94,64 %.
Zimmermanns Partei, die ehemalige Jugendpartei PETO (lat. „ich fordere) dominiert den Stadtrat mit alt-CSU-satten 65,6 %.
Die Stadt ist seit 2013 schuldenfrei, Produkt einer kontinuierlichen Senkung des Gewerbesteuersatzes auf ein Niveau, das 21 Gemeinden eine Protestnote wert war.
Monheim investiert in Kultur, nun auch in eine Triennale. Vom 1. bis 5. Juli erfolgt eine Art Probelauf, eine „Vorausgabe“; tags drauf wird der Hauptspielort am Rhein, ein Industriedenkmal aus dem 19. Jahrhundert, genutzt als Fassabfüllanlage und Lager, umgebaut in die multifunktionale Halle Kulturraffinerie K714.
In ihr werden dann auch die Triennalen 2023 und 2026 zur vollen Entfaltung kommen. So weit sind sie finanziert.
Monheim Halle Michalke 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Reiner Michalke an der Stelle,
wo im Juni 2020 die
Hauptbühne der
Monheim Triennale
sich befinden wird

 

 

 


Und wer die Summe hört, die Monheim dafür aufwendet (1.5 Mio Euro), ergänzt sie automatisch um die Vermutung („das ist das Budget für 3 Triennalen); vor allem weil er das Feldgeschrei aus der anderen Festivalstadt Mo…, ein paar Km flußabwärts, noch im Ohr hat. Weswegen 2016 Michalke dort das Handtuch warf.
1.5 Mio Euro, das ist allein der Zuschuss der Stadt Monheim für 2020. Hinzu kommen Eintrittsgelder, Einnahmen aus Radio-Lizenzen usw. 2023 und 2026 wird der Zuschuß erheblich höher ausfallen.
Das sind Kassik-Dimensionen für den Jazz- obwohl, dieses four-letter-word ist verpönt um den Rheinkilometer 714 herum. Manche der 16 KünstlerInnen, ausgesucht von fünf Kuratoren sowie dem Intendanten Michalke, sind damit kaun zu charakterisieren. Und so wird denn die unscharfe Begriffswolke Aktuelle Musik über dem Gelände schweben. An dem auch die MS RheinGalaxie ankern wird, ein „Eventschiff“, 85 Meter lang und 14 Meter breit.
Hunderte Zuhörer werden dort Platz finden sowie 800 im „K714“.
Monheim WebseiteUnd wer sich fragt, wo die alle herkommen sollen, was die kleine Stadt zwischen Köln und Düsseldorf sich denn dabei gedacht hat, ob sie sich nicht sehenden Auges verhebt - dessen Bedenken prallen ab am Gleichmut des Bürgermeisters.
PR-Gewinne, Standortvorteile, kein Begriffchen aus dem event-Sprachmüll hört man aus Zimmermanns Mund im Cafe „Zum goldenen Hans“ (Birkenstämme scheinen dort Lichtjahre entfernt).
Und dann greift er ganz tief in seine Rhetorik-Kiste, ohne zu erröten:
„Wir gucken nicht so sehr auf das Budget, sondern auf die Notwendigkeit.“ Selbst wenn die Besucher sich auf Monheimer Musikschüler beschränkten, hätte das Festival seinen Zweck erfüllt.
Derlei Koketterie gedeiht in Monheim nicht ganz ohne Grund.
Zum einen stellt das Festival für die beschriebene Besuchergruppe übers Jahr eine Kontaktperson ab, den Bassisten Achim Tang.
Zum anderen hat Zimmermann jüngst eine Wette gegen Michalke verloren.
Im Dezember gingen die ersten Festialtickets in den Vorverkauf, nur in Monheim, nur bei pesönlicher Abholung, nix Internet; noch vor Nennung des Programmes.
Der Bürgermeister tippte auf „unter hundert“, der Festivalchef auf „über hundert“.
Verkauft wurden 208.
16 KünsterInnen sind verpflichtet, die ihrerseits Programm machen, sie treten jeweils mindestens drei Mal auf.
Das Ergebnis, sozusagen das Hauptprogramm mit 30 Konzerten, steht jetzt fest.
Es kommen noch weitere dazu, u.a. in der 1418 erbauten Marienkapelle, sie hat seitdem jedes Hochwasser überstanden.
Auf der Rückfahrt verlässt der Besucher die Stadt mit einem Bus-Shuttle nach Köln, von Rheinkilometer 741 südlich.
Und die dem Rhein zugewandte Seite der Stadt, ja - sie ist durchaus pittoresk.

erstellt: 03.03.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten