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Es soll ältere Semester geben (alte weiße Männer, so to speak), die die Todesnachricht veranlasst hat, aus ihrem Plattenarchiv zielsicher ein bestimmtes Album zu greifen:
„Dedicated to you, but you weren´t listening“ von der Keith Tippett Group.
dedicated to you but you werent listening
Nostalgiker, die sie sind, halten sie selbstverständlich nicht die CD-Version auf Repertoire Records, 1994, in Händen, sondern das LP-Original von 1971.
Für sie ein unveräußerliches Objekt, es hat mehrere Umzüge überstanden, und sie wissen genau, was sie darauf hören:
den ganzen Keith Tippett, den bedeutenden britischen Jazzmusiker in a nutshell, wie sie es damals mehr ahnten als wussten.
Einen zumindest stilistisch früh-vollendeten Pianisten, der vier Jahre, nachdem er von Bristol nach London gekommen war, hier eine Anschlußfähigkeit demonstriert, die im  britischen Jazz nicht selten, von Kontinentaleuropa aus aber immer bewundert wurde.

Als er 1967 in swinging London eintraf, war sein Ziel nicht das kommerzielle Zentrum jener Jahre, die Carnaby Street, sondern der Ronnie Scott´s Club, keine zehn Fußminuten weiter östlich in der Frith Street.
Tippett musste lernen, dass dort durch den Bühneneingang hineinzukommen, viel schwerer war, als der Provinzler sich das vorgestellt hatte.
Schon vor 1971 aber hatte er es geschafft; er war nicht nur dort, sondern auch in den Studios ein gefragter Gast, bei King Crimson, Soft Machine, Robert Wyatt, später bei David Sylvian u.a.
Dass er auch mit Peter Brötzmann arbeiten (1983, 1994) und auf FMP, einem zentralen Label der europäischen Jazz-Avantgarde, veröffentlichen wird, auch das ist - aus heutiger Perspektive - gewissermaßen als Vor-Echo auf „Dedicated to you, but you weren´t listening“ eingebrannt.
Es gibt gute Gründe, die Musik dort als Jazzrock, als FreeJazz und auch als Postbop auszugeben - nicht als Mischung in jeder Sekunde, sondern in sequentieller Ordnung. Eine sehr britische Ordnung, die aus Stimmen-Wirrwarr melodische Gedanken von pastoraler Schönheit aufsteigen zu lassen sich erlaubt.
Das Titelstück stammt vom dem „pastoral composer“, wie man ihn auf der Insel nennt, schlechthin, von Hugh Hopper (1945-2009). Diese Fassung von „Dedicated to you, but you weren´t listening“ ist ein Kunstgriff sondergleichen - sie dauert eine halbe Minute und wird lediglich von Marc Charig, cornet, und Elton Dean (1945-2006), as, gespielt. Einmal das Thema, ohne Wiederholung.
Es folgt eines der memorablen Riff-Stücke des Albums, „Black Horse“ von Nick Evans tb.
Auch der Bandleader langt in dieser Hinsicht zu: „Green and Orange Night Park“, entwickelt sich nach einer Eröffnung a la McCoy Tyner als von drei Schlagzeugern (Robert Wyatt, Bryan Spring, Phil Howard) befeuerte Riff-Rampe für Elton Dean.
Dessen Intonation, nicht selten prekär, ist hier tadellos. Sein Solo steht seinen ergreifenden Deklamationen bei Soft Machine in nichts nach.
Als sie all das mit frischen Ohren hörten, da beschlich die besagten älteren Semester keine Ahnung, aber heute hören sie die Wehmut jener Klänge als farewell. Als einen Abschied einer Epoche, die mit dem Tod von Keith Tippett vollends Historie wird.
2018, da war er lange schon wieder mit seiner Frau Julie Tippett (geborene Driscoll) von London wieder ins West Country gezogen, ereilte ihn ein Herzinfarkt, mit der Nebenfolge einer Lungenentzündung.
Musiker sammelten für ihn, im vergangenen Jahr konnte er wieder auftreten, zum Beispiel beim Manchester Jazzfestival in Mai 2019 (woher das Foto von Brian Payne stammt).
Keith Tippett 7 Manchester Jazz Festival May 2019 by Brian Payne

Keith Tippett, geboren am 25. August 1947 in Southmead/Bristol, war in den letzten beiden Jahren immer wieder zu Krankenhausaufenthalten gezwungen. Er starb am 14. Juni 2020 an einem erneuten Herzinfarkt, wie Riccardo Bergerone, ein Freund der Familie, auf Facebook mitteilt.
Keith Tippett wurde 72 Jahre alt. In ersten Stellungnahmen wird seine integrative Kraft hervorgehoben, und der meistzitierte Satz von ihm dürfte werden:
„Möge Musik niemals nur eine weitere Möglichkeit sein, Geld zu verdienen“.
Auch er führt umstandlos zurück in die Zeiten von „Dedicated to you, but you weren´t listening“.

Foto: ©Brian Payne
erstellt: 15.06.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten