„Seit der ersten Ausgabe 1964 ist das Jazzfest Berlin Plattform für Musiker*innen aus aller Welt. Besonders intensiv war immer die Verbindung zu den Künstler*innen aus den USA.“
Stimmt. In 56 Jahren haben acht Festivalleiter und eine Festival-
leiterin diese Maxime beachtet, unabhängig von ihren unterschiedlichen
Schwerpunkten oder „Schienen“ (George Gruntz).
jfb20 videobild trailer 2522wDie Pandemie 2020 unterbricht diese Kontinuität, zumindest was die Live-Präsenz von künstlerischem Personal aus NYC betrifft: es kann nicht mehr einfach so anreisen.
Die 57. Ausgabe des Jazzfest Berlin/Berliner Jazztage macht aus der Not eine Tugend.
Sie mutet den Musiker*innen allenfalls eine Taxifahrt nach Brooklyn zu: im Namen und honoriert vom Jazzfest treten sie im „Roulette“ auf und werden von dort ins Netz übertragen.
Da der angestammte Ort des Festivals, das Haus der Festspiele, saniert wird, erscheinen sie in Berlin auf den Videoschirmen der Betonhalle des silent green im Wedding.
Das Pubikum dort wird neben den Signalen aus New York Live-Ensembles aus der deutschen und europäischen Szene erleben.
Das Jazzfest Berlin belässt es nicht dabei, sich für die Lösung des logistischen Problems zu loben, sondern stolpert in die politische Arena:
„In diesem Jahr voller gesellschaftlicher Herausforderungen und politischer Umbrüche – sowie nur wenige Tage nach den US-Präsidentschaftswahlen – baut das Jazzfest Berlin der Coronakrise zum Trotz auf eben diesen transatlantischen Dialog und stellt die kreativen Zentren New Yorks und Berlins ins Zentrum seiner 57. Ausgabe.“
Nun gehörte das semi-politische Raunen immer schon zum Grundton des Jazzfest Berlin, aber so unverfroren hat es seinen Gratismut („nur wenige Tage nach den US-Präsidentschaftswahlen“, hoho!) doch noch nicht herausgestellt.
Man giert hier geradezu nach einem Grußwort von Peter Beyer, dem Transatlantik-Koordinator der Bundesregierung (der übrigens für einen Regierungswechsel in den USA plädiert).

„Jetzt erst recht: Now is the Time!“

Man wird sich schwerlich auf eine Lesart des extrem vieldeutigen Festivalmottos einigen können. Jede/r wird die seine/ihre legitimieren können. Dazu sollte in erstere Linie zählen, ob und inwieweit es gelingt, musikalisch die Gegenwart der Szene darzustellen.
Ob z.B. den assets aus NYC (u.a. Anna Webber Septet, Craig Taborn´s New Trio, Tomeka Reid Quartet) im Wedding hineichend starke Partner gegenüberstehen.
Ob die häufige Präsenz bestimmter Namen auf US-Seite seit 2018 (Tomeka Reid, Moor Mother, Mary Halvorson) oder Tomas Fujiwara in 2020, aber auch auf „Berliner“ Seite (Liz Kosack, Jim Black, Max Andrzejewski) künstlerisch gerechtfertigt ist.
Was unter dem Programmkapitel „off stage“ jetzt schon zu sehen ist hat auf jeden Fall noch viel Luft nach oben.
Mehr denn je versteht sich das Jazzfest seit 2018, seit Nadin Deventer die Leitung übernommen hat, als Raum für Grenzgängertum, als „kreatives Raumlabor für multimediale Auftragsarbeiten und interdisziplinäre Begegnungen kosmischer Art“, wie es nun für den Bereich „outer spaces“ reklamiert wird.
jfb20 radio edition 1050wAm ehesten „Jazz“ steht für einen Bereich zu erwarten, der - bis auf ein Konzert - gar nicht in Berlin stattfindet, sondern in den Studios von acht Landesrundfunkanstalten der ARD. Das Jazzfest Berlin lagert mit diesem „Wurmfortsatz“ (Fritz Rau) erstmals Programmverantwortung aus.
Die ARD finanziert seit Anbeginn das Festival mit; der Einfluß der Radio-Jazzredakteure war über all die Jahre schwer zu quantifizieren (etliche von ihnen sagen: „zu gering“).
Von Anbeginn des Festivals haben sie Mitschnitte aus Berlin gesendet - mit der „Jazzfest Berlin Radio Edition“ treten sie nun fernab des Festivalortes selbst als Programmmacher in Erscheinung.
Was aber verbindet z.B. das Phillip Schiepek Quartet im Studio 2 des Bayerischen Rundfunks oder das Shannon Barnett Quartett im WDR Funkhaus - so gut sie auch sein mögen - mit dem Jazzfest in Berlin?
Berlin > New York, das leuchtet ein, das hat Tradition.
Dass aber die alltägliche Arbeit der ARD-Jazzredaktionen nun auch unter den großen Berliner Schirm drängt, das ist auch unter Pandemie-Bedingungen schwer nachvollziehbar.

Das komplette Programm des Jazzfest Berlin 2020 hier

erstellt: 02.10.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten