Einmal in der BILD-Zeitung - ist das nicht der Traum eines jeden deutschen Jazzfestivals?
Einmal in BILD, aber selbstverständlich ohne sich auf dem Weg dorthin zu verbiegen, anzubiedern oder sonstwie seine Seele zu verkaufen.
Die Jazztage Dresden, deren Ruf im ganzen Lande gewiß noch steigerungsfähig ist, haben es geschafft: und nicht nur bis BILD online.
Sie haben sich mittwegs eine scharfe Rüge von Karl Lauterbach verdient, der auf dem Festivalgelände „einen völlig unethischen Menschenversuch“ erkannt zu haben meint.
Mehr noch, im Jubiläumsjahr (20) ist dem Festival sogar der Sprung in die ersten Meldungen von Spiegel Online gelungen: „Eintrittskarte fürs Superspreading-Event“.
Selbstredend, nicht irgendeine*r der eingeladenen Musikgäste hat diesen gewaltigen Stein ins Wasser geworfen, nicht mal der des Verschwörungserzählerischen verdächtigte Redner Daniele Ganser, sondern das völlig neuartige und vorerst nur in der Landeshauptstadt Sachsens eingeführte Instrument namens „freiwillige Infektionsgruppe“.
Diese besteht aus jeweils 10 Mitgliedern, sie wird spontan durch den Ticketentscheid für einen Bereich gebildet, in dem - im Gegensatz zu anderen Bereichen des Raumes - Mund-Nasen-Schutz nicht verpflichtend ist.
„Diese Zehnergruppen sind freiwillige Infektionsgruppen. Mit dem Kauf Ihres Tickets neben anderen Personen erklären Sie sich mit der Platzierung innerhalb der Infektionsgruppe einverstanden.“ (O-Ton Jazztage Dresden)
Immerhin, wer sich infiziert, weiß hinterher von wem. Im übrigen hat er, wie der Festivalchef Kilian Forster gegenüber dpa sagt, quasi höherwertig gehandelt:
"Wir haben an die Eigenverantwortung der Besucher appelliert, schließlich ist Kultur auch seelische Nahrung.“
Die Praxis im Ostra-Dome zu Dresden hebt sich damit maximal ab von der in der Philharmonie Köln. Zum gleichen Zeitpunkt (bei Brad Mehldau) fanden sich dort Paare an weit auseinander liegenden Punkten plaziert, ein jeder/eine jede hatte links und rechts jeweils drei freie Sitze, sowie jeweils eine freie Reihe davor und dahinter. Mund-Nasen-Schutz, verpflichtend.
Mit ihren „freiwilligen Infektionsgruppen“ folgten die Jazztage Dresden offenbar einer sehr spezifischen Auslegung der Anweisung "Bildung von Infektionsgemeinschaften aus Hausständen" durch die Stadt Dresden.
Deren Verwaltung reagierte nun und drohte mit Entzug der Genehmigung:
„Die Bildung sogenannter freiwilliger Infektionsgemeinschaften ist ausdrücklich nicht im Sinne der Landeshauptstadt Dresden.“ (bei SpiegelOnline).
Die Frist zur Bewerbung für das Unwort des Jahres läuft am 31. Dezember ab.
Gegenüber 2019 („Klimahysterie“) ist „freiwillige Infektionsgemeinschaften“ eine Rakete.

erstellt: 27.10.20
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