Wer auch immer ihm das Wort geführt hat (vermutlich war er es selbst) -
der Video-Appell von Till Brönner zeigt einen anderen Kommunikator als den, den man aus zahlreichen verrutschten Interviews (erst jüngst wieder in der RP) mit leiser Herablassung abzubuchen sich angewöhnt hat.
Wenn´s ums Ganze geht, wählt Brönner die richtigen Worte. Im Großen & Ganzen jedenfalls, und gewiss gewinnender als Dieter Hallervorden bei der „Alarmstufe Rot“-Demo in Berlin.
Seine Klage über die kommenden Restriktionen ist auch die eines Jazzmusikers, aber sie weist doch weit darüber hinaus, sie sieht diesen als Teil der gesamten Kulturwirtschaft und addressiert deshalb nicht die Kulturstaatsministerin, sondern den Bundeswirtschafts-
minister.
Dass die Branche nicht, wie Brönner behauptet, eine Wertschöpfung von 130 Milliarden Euro hat, sondern „schätzungsweise 100,5 Milliarden“, wie der Monitoringbericht Kultur und Kreativwirtschft 2019 ausweist, fällt ebenso wenig ins Gewicht wie die eine oder andere schwülstige Formulierung.
Viel wichtiger, dass er die „Organisationsfrage“ stellt, wenn auch mit einem gewagten Vergleich:
„Wir in der Veranstaltungs- und Kulturbranche sind noch immer zu leise, weil wir keine ernst zu nehmende Gewerkschaft haben. Und das rächt sich jetzt! Wer ist es, der der Politik stellvertretend im Nacken sitzt, wie der Lokführer-gewerkschafts-Boss Claus Weselsky der Deutschen Bahn - und das mit nur 9000 Mitgliedern."
Gewichtiger wäre der Hinweis gewesen, dass - um mal wieder auf den Konzertbetrieb im Engeren zurückzukommen, und damit auf die Erwerbsquelle Nummer 1 vieler Künstler und ihrer Vermarkter - dieser Bereich eben nicht zu den Hotspots für Infektionen bekannt ist.
Was Brönner nicht wissen konnte: heute kommt dazu eine Meldung in der SZ über die empirische Untersuchung der Universitätsmedizin Halle (Saale) bei einem Konzert des Popmusiker Tim Bendzko mit dem Tenor „Konzerte bleiben möglich - wenn man es richtig anstellt“.

 erstellt: 29.10.20
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