Hessischer Jazzpreis 2022 an Christopher Dell

Der Hessische Jazzpreis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird seit 1991 verliehen.
Erster Ausgezeichneter war Heinz Sauer, geboren 1932 in Merseburg/Sachsen-Anhalt, aber jazzmäßig ohne jeden Zweifel in Frankfurt, also in Hessen, lokalisiert.
Die Liste danach weist Merkwürdigkeiten auf.
Zwar findet sich darauf so ziemlich ein jeder, der mit dem größten aller Jazz-Hessen gewirkt hat, auch sein Bruder Emil (1995) - aber Albert Mangelsdorff (1928-2005) nicht.
Man könnte geneigt sein, hier eine Vorstufe der größten Auszeichnungs-Amnesie zu sehen, die das deutsche Jazzjurywesen befallen hat:
bis auf eine Auszeichnung durch eine Berliner Lokalzeitung ist der wohl weltläufigste deutsche Jazzmusiker, Rolf Kühn, 92, bei allen Preisverleihungen
(inkl. Bundesverdienstkreuz) bis dato leer ausgegangen.
Ein Skandal.
christopher dell 1

Applaus aber für die Wahl des Preisträgers 2022, obwohl der, 1965 in Darmstadt geboren,
das Land der Hessen lange schon verlassen hat, zugunst von, heute, Berlin, Wien und Paris: Christopher Dell.
Er kennt sich in Städtebautheorie ähnlich gut aus wie in Jazztheorie,
Gesprächspartner und Leser sehen sich mitunter einem information overload ausgesetzt.
Das Dell´sche Übermaß an Präzision aber ist immer fruchtbarer
als die gedankliche Zurückhaltung mancher seiner KollegInnen.
In der Hauptsache aber ist der Preis schon deshalb überaus berechtigt, weil nahezu überall,
wo der deutsche Jazz derzeit in Blütenpracht platzt,
der Vibraphonist Dell seine vier Schlegel im Spiel hat.
Und das nicht nur bei den avancierten Kadern im Umkreis von Christian Lillinger (oder ist es der Umkreis von Dell?),
sondern auch bei Vertretern gepflegter Konvention.
Es dellt viel dieser Tage.
Und das ist auch gut so (Wowereit).

erstellt: 04.03.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten