Marius @ The Proms

Die London Sinfonietta, gegründet 1968 für Aufführungen zeitgenössischer Musik, bringt heute in der Royal Albert Hall im Rahmen der Proms ein neues Orchesterstück von Marius Neset zur Uraufführung, „Geyser“.
Es ist sein Debüt bei dem renommierten BBC-Festival, sein drittes Werk für die Sinfonietta. Vorgangegangen waren „Snowmelt“, 2015, sowie „Viaduct“, 2018.
Geoffrey Paterson Kongsberg Jazzfestival 2018 172335Dirigent in allen Fällen: Geoffrey Paterson, mit 39 eineinhalb Jahre jünger als der norwegische Saxophon-Überflieger, nunmehr erneut in der Rolle als Komponist eines Orchesterwerkes.
Welche Aufgabe das bedeutet, schildert Paterson in einem Artikel für den Guardian.
Er liest sich wie eine tiefe Referenz nicht nur für den Notenautor Neset, sondern auch für dessen Jazzkollegen (darunter Ivo Neame, Jim Hart und nach wie vor Anton Eger, dr, „ein Phänomen“).
Und vielleicht weil Paterson & Neset peers sind, Gleichaltrige, kommt das Lob so ehrlich herüber. Paterson vergleicht - und es ist dies die anerkennende Beschreibung einer großen Differenz.
Die Jazzmusiker könnten Dinge, die ihre „klassischen“ Kollegen nicht vermögen.
2015, Paterson hatte mit der Sinfonietta gerade Stockhausen und Birtwistle aufgeführt, als „Snowmelt“ ihm „die steilste Lernkurve, die ich je erlebt habe“ abgefordert habe.
Vor allem rhythmisch türmten sich Fragen, die er sich nie zuvor stellen musste.
Ohne clicktrack (ein Metronom im Kopfhörer eines jeden Musikers/in) war die Arbeit im Studio nicht zu bewältigen, eine völlig neue Erfahrung für klassische MusikerInnen, die sich bei komplizierten Rhythmen mehr oder weniger durchmogelten.
„Dieser Instinkt ist jedoch ein Problem, wenn die Interpreten bei einem Tempo von 200 Beats pro Minute neben einem Jazzquartett spielen, dem sein absolutes Gefühl für den Puls die verblüffendsten kreuz- und polyrhythmischen Improvisationen erlaubt“.
Dabei beispielsweise nachzuvollziehen, was Anton Eger rhythmisch veranstaltet, erwies sich zugleich als Teil des Problems wie auch als Teil der Lösung: „Ihm zuzuhören und zu versuchen, herauszufinden, was genau er tut, ist zwar sehr unterhaltsam, aber gefährlich, wenn man zugleich versucht, sich ihm anzupassen“.
Patersons Lösung, „unterschwellig den grundlegenden Impuls zu hören, den sein Spiel immer impliziert“, habe schließlich erlaubt, „in die Matrix eintreten zu können“.
Die Errungenschaft, „ganz anders zu hören“, unter Mühen erworben bei „Snowmelt“, habe sich bei „Viaduct“ ausgezahlt und wird, so darf man ergänzen, wohl auch „Geyser“ unfallfrei über die Bühne bringen.
Interessant auch, wen der Dirigent bei Neset als Einflüsse zu hören meint: neben Strawinsky und Messiaen (wie Neset sagt), laut Paterson auch Nancarrow und Ligeti.

PS: BBC-Mitschnitt (bis 9.10.22)

Foto: Tore Sætre (Wikipedia)
erstellt: 03.09.22
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