Zum Filmstart hat sich am Nachmittag in Köln-Ehrenfeld eine spezifische Gesellschaft eingefunden, zwei Dutzend Ü 50 dürften es sein, auch Frauen sind darunter.
Niemand von ihnen wird der - irrigen - Idee anhängen, unter „Birth of the Cool“ eine Doku über die Produktion des berühmten Albums 1948/49 zu erwarten.
Mit solchen Detail-Aspekten gibt sich heute kein Film mehr ab, bestimmt keiner, der mit Hilfe der BBC produziert wurde.
Unter „Birth of the Cool“ erwartet inzwischen ein jeder eine Arbeit über den Geburtshelfer, nein den Vater jener Eigenschaft, die zu übersetzen wir aufgegeben haben.
Sie schillert umso ambivalenter auch im Deutschen lange schon im sprachlichen Original, als „cool“.
Und Stanley Nelson bedient diese Erwartung in überbordender Weise, insbesondere in den langen Passagen mit Frances Taylor (1929-2018), der wohl größten Liebe des Prince Of Darkness. Fotos und Zeitzeugen beschwören das Traumpaar des Cool in einer Weise, dass der jazz-stilistische Begriff dahinter völlig verschwindet.
Dessen große Zeit war ja auch vorbei, als die Tänzerin in das Leben des Trompeters trat, erkennbar auch als covergirl der Alben „Someday my Prince will come“, „Miles Davis in Person“ (beide 1961) sowie „E.S.P.“ (1965).
Sein Verhalten ihr gegenüber war alles andere als cool - es sei denn man weitet diese Eigenschaft aus bis ins Asoziale. Dass er ihr 1961 einen Job bei der West Side Story untersagt und buchstäblich heim an den Herd holt (wo er der Unkundigen auch noch Grundtechniken des Kochens beibringen muss) war noch die geringste Form der Unterwerfung. Sie wurde auch Opfer seiner Boxtechnik.
„Jedes Mal, wenn ich sie schlug, fühlte ich mich schlecht, denn oft war es gar nicht ihre Schuld, sondern hatte mit meinen Launen und meiner Eifersucht zu tun.“
Bis auf einen nichtssagenden Interviewschnipsel spricht Miles im Film nicht, Nelson fügt mit Geschick passende Miles-Zitate ein, nachgesprochen im typisch-heiseren MD-Ton vom Schauspieler Carl Lumbly.
Die betagte Frances Taylor, die schließlich erzählt, warum sie ihn verließ und ihm dabei fast eine Träne nachweint, das ist eine der ergreifenden Szenen im Film.
Ebenso die von stummen Schwarz-Weiß-Fotos unterlegte Schilderung, als er 1959 in einer Konzertpause aus dem Birdland auf die 52nd Street tritt, eine weiße Freundin ans Taxi begleitet, sich eine Zigarrette anzündet und nach der Weigerung gegenber einem weißen Polizisten weiterzugehen, von einem zweiten mit dem Knüppel attackiert wird. Sein helles Jacket ist mit Blutflecken übersät. Die Fassungslosigkeit über diesen rassistischen Akt, aber auch Stolz spiegeln sich eindrücklich im Gesicht des Opfers.
miles davis birth of the cool 2 rcm950x0Dem Film liefen zwei Negativ-Urteile vorauf. Daniel Kothenschulte beklagt in der FR eine Mode in Dokumentar-
filmen: „Immer scheint etwas interessanter sei als die Kunst, um die es geht: Ist es Malerei oder Fotografie, kann man sie nicht kurz genug zeigen. Und wenn es Musik ist, gibt es kein größeres Tabu als ein ausgespieltes Stück.“
Letzteres haben wir uns lange schon abgewöhnt zu erwarten; aber wenn damit gemeint sein sollte, Musik käme zu kurz in diesem Film, so trifft dies nur auf die erste halbe Stunde zu.
Ab „Kind of Blue“ (1959), der Film geht chronologisch vor, erklingt hinreichend genug, worum es geht.
Viel gravierender ist ein Verdikt von Glenn Kenny aus der New York Times, in den fast zwei Stunden Film werde Teo Macero nicht erwähnt.
Stimmt.
Dabei erscheint dessen Name treulich in den Untertiteln einer Studio-Konversation mit Miles.
Die Nichtberücksichtigung von Teo Macero (1925-2008), der nicht einfach nur der Produzent von Miles Davis war, sondern den Tonsalat der Sessions von „In a silent Way“ und „Bitches Brew“ (beide 1969) über-
haupt erst in eine Form gebracht hat (die dann eine historische wurde), ist ein schweres Manko des Filmes.
Es ist ein typisches Kennzeichen dieser Art von Musikthematisierungen, sich auf Persönlichkeiten zu konzentrieren und alles Erklären & Einordnen ebenso an Interviewpartner zu delegieren. Per Anekdote kommt es dann günstigenfalls hervor, hier beispielsweise wenn Lenny White einen vamp aus „Bitches Brew“ singt und der Regisseur die entsprechende Passage daruntermischt.
Aber was Miles Davis außer seinem von allen beschworenen Genius denn wirklich zu seiner wechselnden Musik (und ihren Konstanten) geführt hat, das bleibt auch hier unterbelichtet.
Einer Erklärung am nächsten kommt eine als „Musikologin“ bezeichnete Gesprächs-
partnerin (Tammy L. Kernodle), die den eminenten Kunstwillen von Miles als Heilung seiner schwierigen Persönlichkeit meint ausgeben zu können. Hier hätte man - statt aus der Musikwissenschaft - eine Stimme aus der Psychologie gewünscht, die das Beispiel „Miles Davis“ einbettet in das weite Feld zahlreicher verwandter Fälle aus der Musik- und Kulturgeschichte.
Immerhin, der Wahnsinn dieser Person kommt - neben aller Glorie - nicht zu kurz, man muss neben Frances Taylor nur Mark Rothbaum, seinem Manager, zuhören. 
Oder Archie Shepp, den Miles nach der kollegen-üblichen Bitte des „sit in“ kalt auflaufen lässt.
Wayne Shorter, Quincy Jones, Juliette Gréco (nur sehr kurz), Santana, Marcus Miller, Joshua Redman, Vince Wilburn, Errin Davis, der Stichwortgeber sind viele. Und eindrückliche, z.B. der Festivalchef George Wein.
Daniel Kothenschulte beklagt in der FR, Stanley Nelson streife „das Politische am Künstler Miles Davis nur oberflächlich“.
Vermutlich weiß er nicht, dass dort so gut wie nichts zu holen ist. 
Niemand weiß mehr darüber als Gerald Early. Der Kulturkritiker hat 2001 einen einzigartigen Essay veröffentlicht: „Miles Davis als amerikanischer Ritter und amerikanischer Schurke“.
Niemand, so Early, habe je erfahren, wo Miles politisch steht, was er gewählt hat. 
Keiner hat das Phänomen MD so auf den Begriff gebracht wie Gerald Early von der Washington University in St. Louis. 
Im Film kommt er nur mit Belanglosigkeiten zu Wort. 
Dessen Stärke liegt denn auch woanders, nämlich im Archivmaterial, namentlich in zahlosen Fotos. „Birth of the Cool“ beeindruckt film-ästhetisch am meisten, wo der Regisseur über keine bewegten Bilder verfügt. Stanley Nelson hat ein Händchen dafür, Fotos zu montieren, ja sogar zu rhythmisieren.

erstellt: 03.01.20, ergänzt 16.01.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


 

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Cyril Davies, Alexis Korner Blues Incorporated, Graham Bond Organization, Cream, Blind Faith, Air Force, Fela Kuti, Baker Gurvitz Army, Jonas Helborg, Gary Moore, Jazz Confusion…
viele dieser Namen rauschen durch in den Nachrufen auf einen der „100 greatest drummers of all time“ (Rolling Stone).
Sie betonen - völlig zurecht - den vierten Namen, den des Trios Cream, wo Baker zwischen 1966-68 den Ruf etabliert hat, von dem er lange Jahre zehren konnte.
Er kam aus dem in Richtung Rhythm & Blues offenen britischen Jazz-Mainstream,
kurzzeitig unterrichtet von Phil Seamen (1926-1972), der ihn mit afrikanischem Trommeln, aber auch mit der Heroin-Nadel bekannt gemacht haben soll.
Der Weg von Bond zu Cream war kurz, sozusagen auf dem Blues-Wege, nun aber erweitert um eine Solistik, wie sie die Rockmusik bis dahin nicht kannte. Bekannteste Exponate: der Willie Dixon-Klassiker „Spoonfull“ und Baker´s eigenes Feature „Toad“, darin die Doppel-bassdrum als vordergründiges, die langen patterns über die toms als sein strukturelles Markenzeichen.
Der eigentliche Motor seines Trommelstiles aber lag woanders, sozusagen auf halber Höhe.
"Wenn wir rhythmisch auseinander fallen sollten - es gilt Ginger´s hi-hat“).
Dieser Rat des afrikanischen Perkussionisten Abas Dodoo ist aktuell; er stammt aus dem April 2019, aus der Probe vor den mutmaßlich letzten Auftritten des legendären Drummers, beim Ruhrjazzfestival in Bochum und in Berlin.
Mit Musikern, die in keinem der Nachrufe auftauchen - obwohl sie bereits 1987 eine Platte mit ihm aufgenommen haben („African Force“), im Stadtgarten Köln und in einem Studio am Rande des Sauerlandes, in Iserlohn: Wolfgang Schmidtke und Jan Kazda (seinerzeit noch Mitglieder der Jazzrock-Combo „Das Pferd“) aus Wuppertal.
2019 kam noch zwei MusikerInnen aus Südtirol dazu (Michael Lösch, p, sowie Helga Plankensteiner, bars).
Kam Ginger Baker 1987 seinen Mitmusikern noch aggressiv daher, erschien er Schmidtke in diesem Jahr als gebrechlich. Er hält dessen Auffassung von Rhythmik für durchgängig „afrikanisch“. Und in der Tat, „Toad“ unter diesem Vorzeichen gehört, macht Sinn.
Ob er handwerklich zu den „100 greatest drummers of all time“ zählt, werden seine Berufskollegen kontrovers beurteilen. Im Zweifel würden sie „Sunshine of your Love“ auch ganz anders begleiten.
Aber, er war ein großer Stilist. Und neben Afrika klangen bei ihm sicher auch Elvin Jones und Art Blakey mit an.
In deren Sektor aber, ausweislich eines Mitschnittes vom Deutschen Jazzfestival Frankfurt 1993 (mit Charlie Haden und Bill Frisell), war er eine eher kleine Leuchte.
Peter Edward „Ginger“ Baker, geboren am 19. August 1939 im Londoner Vorort Lewisham, ist am 6. Oktober 2019 in einem Krankenhaus in Canterbury verstorben. Er wurde 80 Jahre alt.

 erstellt: 06.10.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


 

Die Crux seines Vornamens: dass er in beiden Varianten geführt wird.
Als Dave liegt sein letzter Eintrag in der JC-CD-Datenbank 1994 bei Pat Metheny „We live here“, 1994, laut liner notes mit einem Cymbal-Einsatz.
Als David hingegen wird er bei Metheny bis 2003 geführt, bis „The Way Up“.
Ähnlich bei Frank Zappa; je nach Vornamen taucht er dort bereits 1969 auf („You can´t do it on stage anymore, Vol. 4“ sowie „Läther“, 1976), aber auch auf dem legendären „Zappa in New York“, 1976.
Später noch „ARC“ von Jimmy Haslip, 1993.
Am längsten, 1978 bis 2008, wenn auch nicht durchgängig mit Begeisterung, blieb er bei den Jazzrock-Softies von Spyro Gyra.
David Samuels death lailasnews 600x400Und mittendrin das, was ihn bei uns bekannt gemacht hat, das Duo mit seinem alter ego David Friedman, Double Image „Open Hand“, 1993.
Das war das Nach-Echo eines Quartetts, in dem die beiden Außenseiter-Instrumente - vib und mar - zwischen 1977 und 1980 mal die Hauptrolle spielen durften.
Das Stabinstrument hat er in Boston, an der Berklee School of Music, bei Gary Burton gelernt, bevor er selbst dort zu den Lehrenden stieß.
Er hat zwei Lehr-Videos und ein -Buch über das Vibraphon veröffentlicht.
Sein professionelles Musikerleben begann 1974 mit Gerry Mulligan, beispielsweise dem berühmten Carnegie Hall Conceert, es schloß mit dem Caribbean Jazz Project, ua. mit Paquito
d´Rivera.
Er hat wohl an die 10 Alben unter eigenem Namen veröffentlicht, auf zahllosen Studiosessions gewirkt, in den letzten Jahren war er von einer Krankenheit gezeichnet.
Routine hat ihm nichts ausgemacht, auch beim dreihundertsten Male könne einem zu einem Stück noch etwas Neues einfallen.
„Oder man kann wenigstens jemand anderen inspirieren, anders zu spielen. Auch so kann man sich lebendigt halten.“
David „Dave“ Samuels, geboren am 9. Oktober 1948 in Waukegan/Ill, starb am 22. April 2019 in New York. Er wurde 70 Jahre alt.

erstellt: 24.04.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


Seit vier Jahren ist er als Flötist des WDR Sinfonieorchesters pensoniert, das Bundesverdienstkreuz hat er (2015), was kann jetzt noch kommen?
Ein Doktortitel vielleicht?
Sosehr er ihm auch zustünde, ein honoris causa allemal, die Zeit wird knapp.
Und er nutzt sie, auf ihm vertraute Weise, er spielt z.B. als Aushilfe im Gürzenich Orchester und freut sich wie dolle.
HMM 30 jahre loft 1 foto gerhard richterDas Vergnügen darüber ist ein kleiner Teil der großen Erzählung „Das Loft wird 30“. Denn Hans-Martin Müller (noch 66) ist es bestens gelungen, sein Lebenswerk zukunftsfest zu machen.

Sein Lebenswerk, das Loft, war dem britischen Guardian 2016 als einer der „10 besten Jazzclubs Europas“ zu Ohren gekommen.
So ungenau wie die Angabe „beer €3 half litre“, so unge-
nau ist die Charakterisierung als „Jazzclub“.
Denn wer den dritten Stock einer früheren Parfümfabrik in Köln-Ehrenfeld erklommen hat, trifft dort in der Tat zunächst auf einen Ausschank.
Aber was er zu hören bekommt (und was der neue Slogan „beyond mainstream“ nur lauwarm einfängt), enteilt mehr noch als im nahen Stadtgarten in Richtung Avantgarde (die Schnittmenge mit dem Straight Ahead Jazz im neu eröffneten King Georg dürfte Null sein).
Im Loft spielen, heißt für viele Musiker, inbesondere Kölner, etwas ausprobieren können. Experimentelle Musik, als Begriff kaum noch gebräuchlich, hat hier einen Ort. Zum Beispiel beim Jubiläumskonzert Dietmar Bonnen´s „12 Tones for 9 Musicians“, worin nur dem Schlagzeuger die Zeitachse des Kompositionsrahmens bekannt ist.
Im Loft spielen, heißt für die allermeisten auch: wenig Einkommen erzielen. Denn alle spielen auf Eintritt.
Und dennoch drängen sie, von Absolventen des Jazzseminars an der Kölner Musikhochschule, die hier ihre Bachelor- und Masterkonzerte geben, bis zu Alexander von Schlippenbach, der auf der alljährlichen Dezember-Tournee das Loft nicht auslassen kann.
Nils Wogram, Hayden Chisholm, Pablo Held, Jonas Burgwinkel, Robert Landfermann, jüngst Janning Trumann sowie fast alle 20 Träger des Kölner Jazzpreises - die post-„Jazzhaus“-Generation des Kölner Jazz ist im Loft gestartet (und später auch im Stadtgarten heimisch geworden).
Das Loft veranstaltet an die 220 Konzerte im Jahr; seit es sie gibt, seit 11 Jahren, wird es dafür mit der Spielstättenprämie des Landes NRW ausgezeichnet, 2019 waren das 20.000 Euro.
Mit der ähnlichen Auszeichnung des Bundes, mt „Applaus“, gab es groteske Probleme, das Loft bewirbt sich nicht mehr, es kann sich nicht mehr bewerben. Der Grund ist ein erfreulicher: ein Betriebskostenzuschuß der Stadt Köln (ein Ausschlußkriterium für „Applaus“). Er ist 2019 auf 100.000 Euro gewachsen.
Und nun wird´s familiär, systemisch-familiär.
mueller benni 19sep 30 jahre loft 1 foto gerhard richterDie Unterstützung der Stadt erlaubt, die in 2017 einge-
richtete halbe Stelle für einen künstlerischen Betriebssleiter nunmehr auf eine volle aufzustocken.
Urs-Benedikt Müller (noch 37), der sich dort warm-
gelaufen hat, hat sie jetzt übernommen.
UBM ist promovierter Biologe, nach 15 Jahren verlässt er die Natur-
wissenschaft, um sich vollamtlich um den Konzertbetrieb zu kümmern.
Die Lösung ist einleuchtend und von vielen Beteiligten derart begrüßt, dass HMM, der den Namen seines Sohnes gern mit akademischen Grad ausspricht, auf der Jubiläumsfeier verständigen Beifall erntet, als er einräumt, dieser Doktortitel bedeute ihm fast mehr als seinem Sohn.
Der Generationswechsel aber ist  noch breiter unterfüttert.
Eine Gilde endzwanziger MusikerInnen führt unter der Marke Junges Loft eine Reihe in Eigenregie durch. In Ansätzen schimmert hier ein Kuratorenmodell durch, das im Stadtgarten, im „europäischen Zentrum für Improvisierte Musik“, inzwischen voll entfaltet ist.
Ein „Kölner Jazz-Krieg“ aber, wie ihn ein Autor nicht zu Unrecht für die 80er Jahre ausgemacht hatte (damals stand die damals junge Stadtgarten-Mannschaft gegen eine alte Gruppe um den Impresario Gigi Campi), dürfte vielen heute völlig unvorstellbar, und allenfalls denen Ü60 erinnerlich sein.
Urs-Benedikt Müller, der Benni, ist einer der drei SprecherInnen der Kölner Jazzkonferenz, die eine Vielzahl der Aktiven der Kölner Szene vereint. Und die veranstaltet ihre Jahreshauptversammlung demnächst - nein nicht im Loft, nicht im Stadtgarten, im King Georg.

erstellt: 23.09.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten
Fotos: Gerhard Richter


Der Aprilscherz 2019 verspricht in Nordrhein-Westfalen, beim Kultursender des Landes, bei WDR3, besonders „nachhaltig“ zu werden.
Sein Gehalt steht, wie französischen Musikern auffällt, im Einklang mit Ereignissen bei ihnen daheim („Bei France Musique ist es genau so!“).
Der Aprilscherz 2019 bleibt bei WDR3 freilich nicht auf den 1. April beschränkt, sondern er gilt auch an den Folgetagen - er gilt bis zur nächsten Programm-„Reform“.
Wenn Jazzmusik von WDR3 vermutlich verschwunden sein wird.

Noch ist es nicht so weit, noch ist WDR3 lediglich auf dem Wege dorthin.
Zum 1. April 2019 wurde allen freien Mitarbeiter aus dem Bereich Jazz & World „die bisherige Form der Zusammenarbeit (…) als sendungsgestaltender Autor*in (…) beendet“, darunter zwei, die für ihre journalistische Arbeit für WDR3 mit dem „WDR Jazzpreis“ ausgezeichnet worden sind.
WDR3 wird ab dem 1. April 2019 „keine Programmkästchen mehr für die jeweiligen Genres haben, sondern eine Musikauswahl bieten, die – ausgehend vom Jazz – genreübergreifend ist.“ 

Damit werde der „Wechsel von der monothematischen Autorensendung zur kuratierten und moderierten Playlist“ vollzogen, präsentiert von lediglich vier ModeratorInnen.
Was hip & weltoffen wirken soll - bedeutet de facto den Abschied von WDR3 aus dem Jazzdiskurs.
Der größte deutsche öffentlich-rechtliche Radiosender, der einst mit Hilfe eines Dietrich Schulz-Köhn viele Hörer zum Jazz geführt hat, ohne dessen anfängliche Unterstützung der Stadtgarten Köln heute nicht als „europäisches Zentrum für Improvisierte Musik“ dastünde - er bezeichnet die stolze Musikgattung Jazz als „Programmkästchen“.
Sie wird sich ab dem 1.4.19 montags bis freitags die Strecke ab 22:04 Uhr teilen mit „World“ und „avanciertem Pop“. Mit anderen Worten: wer Jazz hören, wer gar seine vorhandenen Kenntnisse dieser Musikgattung aktualisieren will, muss immer auch die anderen Gattungen in Kauf nehmen (und vice versa).

Das mag in wenigen Einzelfällen fruchtbar sein.
Das ist  als Programmrichtlinie einer Institution mit Kulturauftrag musik-ästhetisch kaum zu begründen. Man wird nichts wiederfinden. 

(Würde WDR3 sich trauen, Kammermusik und Oper auf eine „playlist“ zu reduzieren?)
Die größte deutsche Radioanstalt begibt sich in Sachen Jazz - ohne Not - unter den Standard aller anderen ARD-Anstalten.

erstellt: 13.03.19/korr. 20.03.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten