Seit vier Jahren ist er als Flötist des WDR Sinfonieorchesters pensoniert, das Bundesverdienstkreuz hat er (2015), was kann jetzt noch kommen?
Ein Doktortitel vielleicht?
Sosehr er ihm auch zustünde, ein honoris causa allemal, die Zeit wird knapp.
Und er nutzt sie, auf ihm vertraute Weise, er spielt z.B. als Aushilfe im Gürzenich Orchester und freut sich wie dolle.
HMM 30 jahre loft 1 foto gerhard richterDas Vergnügen darüber ist ein kleiner Teil der großen Erzählung „Das Loft wird 30“. Denn Hans-Martin Müller (noch 66) ist es bestens gelungen, sein Lebenswerk zukunftsfest zu machen.

Sein Lebenswerk, das Loft, war dem britischen Guardian 2016 als einer der „10 besten Jazzclubs Europas“ zu Ohren gekommen.
So ungenau wie die Angabe „beer €3 half litre“, so unge-
nau ist die Charakterisierung als „Jazzclub“.
Denn wer den dritten Stock einer früheren Parfümfabrik in Köln-Ehrenfeld erklommen hat, trifft dort in der Tat zunächst auf einen Ausschank.
Aber was er zu hören bekommt (und was der neue Slogan „beyond mainstream“ nur lauwarm einfängt), enteilt mehr noch als im nahen Stadtgarten in Richtung Avantgarde (die Schnittmenge mit dem Straight Ahead Jazz im neu eröffneten King Georg dürfte Null sein).
Im Loft spielen, heißt für viele Musiker, inbesondere Kölner, etwas ausprobieren können. Experimentelle Musik, als Begriff kaum noch gebräuchlich, hat hier einen Ort. Zum Beispiel beim Jubiläumskonzert Dietmar Bonnen´s „12 Tones for 9 Musicians“, worin nur dem Schlagzeuger die Zeitachse des Kompositionsrahmens bekannt ist.
Im Loft spielen, heißt für die allermeisten auch: wenig Einkommen erzielen. Denn alle spielen auf Eintritt.
Und dennoch drängen sie, von Absolventen des Jazzseminars an der Kölner Musikhochschule, die hier ihre Bachelor- und Masterkonzerte geben, bis zu Alexander von Schlippenbach, der auf der alljährlichen Dezember-Tournee das Loft nicht auslassen kann.
Nils Wogram, Hayden Chisholm, Pablo Held, Jonas Burgwinkel, Robert Landfermann, jüngst Janning Trumann sowie fast alle 20 Träger des Kölner Jazzpreises - die post-„Jazzhaus“-Generation des Kölner Jazz ist im Loft gestartet (und später auch im Stadtgarten heimisch geworden).
Das Loft veranstaltet an die 220 Konzerte im Jahr; seit es sie gibt, seit 11 Jahren, wird es dafür mit der Spielstättenprämie des Landes NRW ausgezeichnet, 2019 waren das 20.000 Euro.
Mit der ähnlichen Auszeichnung des Bundes, mt „Applaus“, gab es groteske Probleme, das Loft bewirbt sich nicht mehr, es kann sich nicht mehr bewerben. Der Grund ist ein erfreulicher: ein Betriebskostenzuschuß der Stadt Köln (ein Ausschlußkriterium für „Applaus“). Er ist 2019 auf 100.000 Euro gewachsen.
Und nun wird´s familiär, systemisch-familiär.
mueller benni 19sep 30 jahre loft 1 foto gerhard richterDie Unterstützung der Stadt erlaubt, die in 2017 einge-
richtete halbe Stelle für einen künstlerischen Betriebssleiter nunmehr auf eine volle aufzustocken.
Urs-Benedikt Müller (noch 37), der sich dort warm-
gelaufen hat, hat sie jetzt übernommen.
UBM ist promovierter Biologe, nach 15 Jahren verlässt er die Natur-
wissenschaft, um sich vollamtlich um den Konzertbetrieb zu kümmern.
Die Lösung ist einleuchtend und von vielen Beteiligten derart begrüßt, dass HMM, der den Namen seines Sohnes gern mit akademischen Grad ausspricht, auf der Jubiläumsfeier verständigen Beifall erntet, als er einräumt, dieser Doktortitel bedeute ihm fast mehr als seinem Sohn.
Der Generationswechsel aber ist  noch breiter unterfüttert.
Eine Gilde endzwanziger MusikerInnen führt unter der Marke Junges Loft eine Reihe in Eigenregie durch. In Ansätzen schimmert hier ein Kuratorenmodell durch, das im Stadtgarten, im „europäischen Zentrum für Improvisierte Musik“, inzwischen voll entfaltet ist.
Ein „Kölner Jazz-Krieg“ aber, wie ihn ein Autor nicht zu Unrecht für die 80er Jahre ausgemacht hatte (damals stand die damals junge Stadtgarten-Mannschaft gegen eine alte Gruppe um den Impresario Gigi Campi), dürfte vielen heute völlig unvorstellbar, und allenfalls denen Ü60 erinnerlich sein.
Urs-Benedikt Müller, der Benni, ist einer der drei SprecherInnen der Kölner Jazzkonferenz, die eine Vielzahl der Aktiven der Kölner Szene vereint. Und die veranstaltet ihre Jahreshauptversammlung demnächst - nein nicht im Loft, nicht im Stadtgarten, im King Georg.

erstellt: 23.09.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten
Fotos: Gerhard Richter


Das Wortspiel, eine Alliteration, mochte geeignet sein, um vor einem Jahr den Wechsel von Reiner Michalke von MOers nach MOnheim anzuzeigen.
In Moers war er künstlerischer Leiter (2006-2016), in Monheim ist er geschäftsfühendender Intendant.
Nein, Monheim ist nicht das neue Moers.
Monheim liegt direkt am Rhein, rechtsrheinisch, ist nicht mal halb so groß wie Moers, kann sich aber erlauben, viel mehr Geld in die Hand zu nehmen. Widerstand gegen das Festival, wie er seit 1972 die Sekundärmusik am linken Niederrhein stellt, ward in der Gegend um den Rheinkilometer 714 (noch) nicht gehört.
Ab 2023 wird dort, mit eigener Schiffsanlegestelle, eine Ölbearbeitungsstation in eine „Kulturaffinerie K 714“ umgewandelt sein (nein, soweit sind die Monheimer Linguisten noch nicht, sie belassen es bei der „Kulturraffinerie K 714“).
Und dann wird sie beginnen, die Monheim Triennale.

Einen Vorgeschmack, im kleineren Format, an anderen Orten der Stadt, wird es schon 2020 geben. Die Köpfe dazu wurden jetzt bekannt.
Was sie wo und wann genau zwischen dem 1. und 5. Juli 2020 veranstalten, wird erst am 2. Dezember offenbart. Der Fokus wird auf „Künstlerpersönlichkeiten“ liegen, er wird sich nicht auf „Werke, Gruppen oder Ensembles“ richten.
Das stilistische Spektrum dürfte das von Moers noch ausweiten:
„Wir wollen die Aktuelle Musik zeigen, so wie sie wirklich ist: schubladenfrei und sparten-übergreifend. Von der Neuen komponierten Musik, über die verschiedensten Spielarten der Improvisierten Musik bis hin zu den ambitionierten Beiträgen der Pop-Avantgarde. Und das alles hierarchiefrei, auf Augenhöhe.“ (Michalke)
Monheim Webseite

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Von den 16 Köpfen sind einige aus Moers bekannt, auch aus dem Stadtgarten Köln, wo Michalke seit 1986 das Programm bestimmt. Kris Davis zum Beispiel, oder Shabaka Hutchings, Robert Landfermann, Markus Schmickler, Ava Mendoza, Stian Westerhus oder auch Terre Thaemlitz (hoffentlich redet er nicht soviel…).
Aber nicht Phillip Sollmann, der resident DJ aus dem Berliner Berghain oder auch Sam Amidon, Folkmusiker aus Vermont/USA.
Oder die Sängerin/Schauspielerin Julia Uhlela, gebürtig in Knoxville/Tennessee, dessen "Big Ears"-Festival mit zu den Impulsen zur Gründung der Monheim Triennale zählt.

erstellt: 04.09.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


Das timing war nicht gerade jazzlike, ein wenig, ein wenig viel hinter dem Beat.
An dem Tag, an dem die Telekom bekanntgibt, die ersten Städte für 5G freizuschalten und Meldungen auf das andere Ende der Fahnenstange verweisen, wonach 3G-Kunden bald wohl unverbunden sein dürften.

An diesem Tag geht der Trompeter Markus Stockhausen mit seiner Petition an die Öffentlichkeit: kein 5G in NRW!
Der regionale Zuschnitt verwundert zunächst. Richtet sich die online-Petition doch
„an den Ministerpräsidenten Armin Laschet, Umwelt- und Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser, Natur- und Verbraucherschutz, u.a.“
Wenn man auf der Seite scrollt, sieht man, dass Stockhausen auch an „alle Mitglieder der Landesregierung NRW - alle Bürgermeister in NRW“ sich wendet und schließlich auch nicht die vier beteiligten Telefonkonzerne vergessen hat.
Sein Ton ist alarmistisch. Die Gesundheitsgefährdung sei bewiesen, „tausende Male, von namhaften Wissenschaftlern“.
Wäre die potenzielle Gefährdungslage nicht wirklich neu und auch von neutralen Quellen unbestritten, dass es noch keine Langzeitstudien gibt (wie auch?), dürfte man sich an den Aufstand der Lungenärzte (wie hieß noch deren Häuptling?) erinnert fühlen.
Nur dass der Trompeter eben in die andere Richtung rennt, geradewegs ins Armageddon:
„Und hinzu kommt noch, dass mit 5G ein perfekter Überwachungsapparat ausgebaut werden soll. In China ist es schon soweit. 5G könnte man auch als (tödliche) Waffe einsetzen, man braucht nur die entsprechenden Feldstärken und Frequenzen zu senden. Nein danke.“
Zum Zeitpunkt dieses Artikels haben sich 247 Personen bei openpetition gemeldet,
Stockhausen´s Frau Tana Bourman ist darunter, aus dem Jazzlager Cornelius Claudio Kreusch, Heiner Wiberny, Joachim Zoepf, ja sogar Evan Parker (DER Evan P.?).
Etliche allerdings trauen sich nicht so recht, sie kommentieren viel, tun dies aber „nicht öffentlich“.

erstellt: 04.07.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


Kamasi Washington spielt in der Arena Wien.
Das Konzert ist für 20 Uhr angesetzt. Der Künstler und sein Gefolge erscheinen auf der Bühne um 21 Uhr. Statt Tönen gibt Washington eine Erklärung ab.
Sein Vater sei von einem der Security Men „angegriffen“ worden („assaulted“). Er habe die betreffende Person daraufhin mit dem Vorfall konfrontiert und sei von dieser kaltlächelnd abserviert worden: der Vater habe sich „wie ein Arschloch benommen“.
Wie Wiener Zeitungen zu entnehmen, konnte Rickey Washington (er spielt in der Band seines Sohnes Flöte) beim Betreten des Geländes offenkundig keine der am Vormittag ausgegebenen Zugangsberechtigungen vorweisen.
Kann passieren. Das nun folgende Wortgefecht ist nachvollziehbar, es kam zu einer Rempelei, niemand ging zu Boden. Der Sicherheitsmann wurde, wie gefordert, vom Dienst suspendiert.
Empörung, Verärgerung über den Vorfall (wenn er sich denn wirklich so zugetragen hat) - allzu verständlich.
Aber nicht, dass das Publikum dafür gewissermaßen „büßen“ muss.

Kamasi Washington umgarnt die Zuhörer mit einer von allerlei Vokabeln der Zuneigung und des Friedens durchsetzten Rede, gut dokumentiert, auch mit Untertiteln, auf der Webseite des Wiener Standard - und zieht die Konsequenz: er spielt nur ein Stück, „Truth“.
Der Veranstalter beteuert auf Twitter, wer wolle, könne sein Ticket an den jeweiligen Vorverkaufsstellen „refundieren“, vulgo: Geld zurück. Und wünscht einen guten Heimweg.
Nächste Meldung: „Rapper sagt Auftritt im Zillertal ab.“

erstellt: 16.07.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


 

Die Crux seines Vornamens: dass er in beiden Varianten geführt wird.
Als Dave liegt sein letzter Eintrag in der JC-CD-Datenbank 1994 bei Pat Metheny „We live here“, 1994, laut liner notes mit einem Cymbal-Einsatz.
Als David hingegen wird er bei Metheny bis 2003 geführt, bis „The Way Up“.
Ähnlich bei Frank Zappa; je nach Vornamen taucht er dort bereits 1969 auf („You can´t do it on stage anymore, Vol. 4“ sowie „Läther“, 1976), aber auch auf dem legendären „Zappa in New York“, 1976.
Später noch „ARC“ von Jimmy Haslip, 1993.
Am längsten, 1978 bis 2008, wenn auch nicht durchgängig mit Begeisterung, blieb er bei den Jazzrock-Softies von Spyro Gyra.
David Samuels death lailasnews 600x400Und mittendrin das, was ihn bei uns bekannt gemacht hat, das Duo mit seinem alter ego David Friedman, Double Image „Open Hand“, 1993.
Das war das Nach-Echo eines Quartetts, in dem die beiden Außenseiter-Instrumente - vib und mar - zwischen 1977 und 1980 mal die Hauptrolle spielen durften.
Das Stabinstrument hat er in Boston, an der Berklee School of Music, bei Gary Burton gelernt, bevor er selbst dort zu den Lehrenden stieß.
Er hat zwei Lehr-Videos und ein -Buch über das Vibraphon veröffentlicht.
Sein professionelles Musikerleben begann 1974 mit Gerry Mulligan, beispielsweise dem berühmten Carnegie Hall Conceert, es schloß mit dem Caribbean Jazz Project, ua. mit Paquito
d´Rivera.
Er hat wohl an die 10 Alben unter eigenem Namen veröffentlicht, auf zahllosen Studiosessions gewirkt, in den letzten Jahren war er von einer Krankenheit gezeichnet.
Routine hat ihm nichts ausgemacht, auch beim dreihundertsten Male könne einem zu einem Stück noch etwas Neues einfallen.
„Oder man kann wenigstens jemand anderen inspirieren, anders zu spielen. Auch so kann man sich lebendigt halten.“
David „Dave“ Samuels, geboren am 9. Oktober 1948 in Waukegan/Ill, starb am 22. April 2019 in New York. Er wurde 70 Jahre alt.

erstellt: 24.04.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten