Lee Konitz mit Dan Tepfer, am 13. Oktober 2019 - seinem 92. Geburtstag

Gibt es einen Musiker, dessen Fußabdruck in der Jazzgeschichte früher erfolgte als seiner?
Gibt es, um genauer zu sein, einen weiteren Überlebenden der Claude Thornhill-Ära (namentlich der Jahre 1947-48) oder Miles´ „Birth of the Cool“ (1949-50)?
Oder einen weiteren Teilnehmer an der ersten freien Improvisation der Jazzgeschichte („Intuition“, Lennie Tristano, 1949)?
Vermutlich nicht.
(Selbst Wayne Shorter ist sechs Jahre jünger.)
Lee Konitz, geboren am 13. Oktober 1927 in Chicago, war einer der stilbildenden Altsaxophonisten des Jazz, der…aber das wissen Sie ja längst schon, damit werden Sie in diesen Tagen überschüttet.
Wovon dabei sicher weniger die Rede sein wird, ist sein Eintrag in die Jazzforschung, nicht nur wegen des reichlich vorhandenen Studienmaterials, sondern auch wegen eines Aphorismus, der weit über seinen Charakter als anekdotische Evidenz hinausweist:
„That’s my way of preparation — to not be prepared. And that takes a lot of preparation!“
Verkürzt zu „prepare to be unprepared“ hat er sich damit auch verbal verewigt.
Der Tod von Lee Konitz, am 15. April 2020 in New York City, als Folge einer Covid-19-Erkrankung, ist eine gute Gelegenheit, noch einmal in den Interviewband mit Andy Hamilton hineinzuschauen:
Er steht kostenlos online, bis 30.06.20

erstellt: 16.04.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


 

Standards spielen heisst: etwas Vertrautes in eigener Sprache auszugeben.
Wie überall im Leben und in der Kunst gibt es dabei verschiedene Freiheitsgrade, vom einfachen Nachspielen bis zum „arranging the hell out of something“ von Django Bates, das Gegen-den-Strich-Bürsten.
Auf dieser Skala, die man doch besser gegen das Bild eines Baumes von ansteigender Komplexität austauschen sollte, sitzt Hal Willner auf einem eigenen Ast.
Seine Interpretationen heben sich von vielen anderen ab, schon weil er selbst - von wenigen Momenten abgesehen - nicht manuell agiert.
Er liefert Konzepte. Er stiftet andere Musikhandwerker an. Er gibt Anregungen, Ideen.
Das tun andere Produzenten auch, von Manfred Eicher bis zurück Joachim Ernst Berendt.
Willner geht weiter, er denkt um Ecken, er delegiert Aufgaben, an die die Angesprochenen wohl selbst nicht gedacht hätten.
Er lässt zwei von den Rolling Stones, Keith Richards und Charlie Watts (nebst Stones-Helfern vom Bühnenhintergrund) Charles Mingus interpretieren, Elvis Costello mit dem Brodsky Quartet Kurt Weill, Chris Spedding und den einstigen Teenie Pop-Star Peter Frampton (Humble Pie, The Herd) Thelonious Monk (mit Marcus Miller am Baß!)
Sue, die Witwe von Charles Mingus, spricht zurecht von „Konfrontationen zwischen Musiker und Material, zwischen Musiker und Musiker“, in den liner notes von „Weird Nightmare - Meditations on Mingus“ (1992).
Bei diesem Projekt ging Willner noch einen Dreh weiter: er ließ die Beteiligen nicht nur ihre eigenen, sondern auch die skurrilen Instrumente von Harry Partch (1901-1974) spielen.
Wenn wir uns recht erinnern, brachte Bob Belden (1956-2015), dem solche Ideen aus der eigenen Praxis nicht fremd waren, dafür den Begriff des morphing ins Spiel.
Entfernt verwandt dazu dürfte das finnisches Ensemble Ambrosius sein, das auf seinem „Zappa album“ (2000) Zappa auf Barockinstrumenten.
Willner´s erstes Tribut-Projekt (wie es in Nachrufen bezeichnet wird) war „Amarcord Nino Rota“ (1981), u.a. mit Carla Bley, Branford und Wynton Marsalis.
Später produziert er u.a. Marianne Faithful und Lou Reed, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband.
Hal Willner Penny Arcade 1Willner stammt aus Philadelphia, kam 1974 nach New York und lernte das Produzentenhandwerk an der Seite von Joel Dorn.
Einen Namen machte er sich vor den eigenen Musikprojekten als Produzent von TV-Shows.
Die ungeheuer kreative Rolle, der Standort dieses Nichtmusikers kommt - vielleicht unfreiwillig - in der Todesnachricht seiner Freundin Penny Arcade zum Ausdruck:
„Oh no! Not Hal…….Ladies and gentleman Hal Willner has left the auditorium.”
Hal Willner, geboren am 6. April 1956 in Philadelphia, starb am 7. April 2020 in New York City, einen Tag nach seinem 64. Geburtstag.
Sein Tod soll von Covid-19 verursacht sein.

 

 
Foto: Penny Arcade
erstellt: 08.04.20
©Michael Rüsenberg, 2020.
Alle Rechte vorbehalten

 


In den 90ern Jahren war der Mann sowas von gefragt:
von Geri Allen, Bob Belden, Herbie Hancock, Chick Corea, Bill Evans, David Sanborn, nicht zu vergessen Tony Williams, dessen Quintett er zwischen 1988 und 1992 angehörte.
Der enorme Rückenwind war zu großen Teilen gespeist von der Idee eines keeper of the flame. Wallace Roney war Träger des Erbes von Miles Davis.
Dazu war er geradezu auserkoren. 1983 fiel er seinem Vorbild auf, ja erhielt sogar eines seiner Instrumente zum Geschenk. Er soll auch von ihm unterrichtet worden sein.
Wallace Roney copy 2

1991 in Montreux, wenige Monate vor dessen Tod, durfte er neben ihm die schwierigen Passagen des wohlvertrauten Repertoires vortragen.
Im September 1992 konnte er dann vollständig in dessen Rolle aufgehen, zusammen mit dem großen Rest des grandiosen zweiten Miles Davis Quintett.
Das Piano bediente damals ein gewisser Herbie Hancock, das Schlagzeug Tony Williams.
Es mag einem blümerant werden, wenn man aus gegebenem Anlass wieder einmal einem solchen Exzellenz-Cluster zuhört.

Roney hatte Übung darin, in solche Rollen zu schlüpfen. Wenige Jahre zuvor übernahm er den Posten von Freddie Hubbard in VSOP, eine Art Schattenkabinett zum nämlichen Quintett.
Wir sprechen hier von stilistischer Nähe, nicht von Mimikry, obgleich der Miles-Einfluss - von ihm selbst bestätigt - quer durch seine Karriere erkennbar blieb (sowie bei seinem drei Jahre jüngeren Bruder Antoine der von Wayne Shorter auf dem Tenorsaxophon), bis hin zu seinen Ausflügen in den HipHop Jazz Anfang der 2000er Jahre.
Melodisch immer noch Postbop, wogte er dabei rhythmisch häufig im Rezeptionsschatten von Herbie Hancock; möglicherweise eine Spätfolge der Mitwirkung an dessen „Dis is da Drum“ (1994).
Roney´s Albumdebut („Verses“, 1987) wurde von Tony Williams nicht nur produziert, sondern auch am drumset begleitet, der aus fast dem gesamten Team sodann sein Quintett formte.
Ab dem zweiten („Intuition“, 1988) übernahm diese Aufgabe Cindy Blackman, eine Zeitlang auch seine Lebensgefährtin.
Roney Alllen Vielz 1
1995 heiratet er einen noch größeren Star, die Pianistin Geri Allen (1957-2017).
Die Ehe wurde 2008 geschieden, aus ihr gingen drei Kinder hervor.
Im weiteren Verlauf der neuen Jahrtausends dünnt sich seine Discographie merklich aus, auf Fotos erscheint der einst so schlanke Mann zuletzt stark übergewichtig.
Wallace Roney, geboren am 25. Mai 1960 in Philadelphia, starb am 31. März 2020 in New Jersey, im Alter von 59 Jahren. Er gilt als eines der Covid-19-Opfer.

Fotos:© Richard Williams (Montreux 1991), © Hyou Vielz (Köln, 1994)
erstellt: 31.03.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalte

 


 

...laut Joe Biden lebt er als Gouverneur von Massachusetts fort!


 

Christensen Tod 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pardon, aber das muss sein.
Der Tod von Lyle Mays (ein gewiß nicht unbedeutender Musiker, aber doch für den größten Teil seiner Karriere an der Seite eines Meisters) wurde von vielen Feuilletons beachtet, er wurde sogar in den Nachmittagsnachrichten des DLF vermeldet.
Der Tod von Jon Christensen (der Jahrzehnte an der Seite mehrerer Meister und dazu als bedeutender Stilist gewirkt hat), er ist am Abend des Todestages gerade mal von diversen Wikipedias erfasst.
(Es steht zu befürchten - und hat sich bestätigt -, dass sein Tod ähnlich kleine Kreise zieht wie der eines anderen großen Stilisten, Allan Holdsworth.)
Ein eklatantes Versagen des deutschen Feuilletons.
Das britische Magazin Jazzwise immerhin folgt dem Imperativ in seinem Namen und verlinkt nach ein paar Zeilen zu einem YouTube Video, einem Konzert mit Sonny Rollins, das den Verstorbenen 1971 im vollen Fluge zeigt.
Es vermittelt anschaulich einen Teil der Qualitäten, die in summa dazu führten, dass er für sein Hauslabel ECM auf fast so vielen Alben mitgewirkt hat, wie es der Anzahl seiner  Lebensjahre entspricht (das letzte 2018 mit dem dänischen Gitarristen Jakob Bro).
Darunter, wenn das britische Wikipedia richtig liegt, ein einziges in eigener Regie, „No Time for Time“, 1976.
Den Titel kann man als zarten Hinweis auf seinen Stil lesen, auf seine Qualität als einer der ersten und einer der führenden Vertreter des broken swing in Europa.
Er selbst hat sich gegenüber dem US-Magazin Drummerworld
 so geäußert:
„Wenn ich mit einer Band im 4/4-Takt in mittlerem Tempo spiele, und ich habe Lust, das ein bisschen aufzulockern, könnte ich aus dem Tempo herausgehen oder ganz aufhören - aber ich weiß immer genau, wo ich bin. Ich markiere einfach nicht die 1 oder überbrücke bis zum nächsten Takt mit fills. Ich versuche immer, das zu vermeiden. Stattdessen versuche ich, in Wellen zu spielen.“
Jon Christensen ist Ende der 50er Jahre als Autodidakt gestartet, 1960 gewinnt er einen Preis bei einem Amateurfestival; 1964 spielt er mit Kenny Dorham in Oslo, im gleichen Jahr mit der norwegischen Sängerin Karen Krog in Antibes.
1967 beginnt die Arbeit mit Jan Garbarek, danach mit Terje Rypdal, mit Keith Jarrett, dessen europäischem Quartett er angehört.
Und dann, ab 1970 ff konnte man mitunter den Eindruck haben, Norwegen verfüge nur über einen jazztrommelslager - nämlich ihn, Jon Christensen.
Er konnte vieles, und gern haben wir in diesen Stunden noch einmal nach „Cracked Mirrors“ (1987) gegriffen, das ihn mit einem jüngst Verstorbenen verbindet, nämlich Herbert Joos sowie dem österreichischen Gitarristen Harry Pepl (1945-2005), in einem Werk, das das Sampling bis in den FreeJazz treibt.
Jon Ivar Christensen, geboren am 20. März 1943 in Oslo, war verheiratet mit der Schauspielerin Ellen Horn, 69, sie war u.a. eineinhalb Jahre Kulturministerin im Kabinett von Jens (NATO) Stoltenberg.
Per Facebook teilt sie seinen Tod mit, er starb am 18. Februar 2020 im Alter von 76 Jahren, vier Wochen vor seinem 77. Geburtstag.

 erstellt: 18.02.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten