...ladt JC erneut einen Beitrag hoch, in den dieser Tage viel hineingeheimnist wird.
Ja, er war "gelöscht", wie das bei Einträgen unter "news" so üblich ist.
Eine Chance wahrzunehmen, wer & was gemeint ist/war;
z.B. den Unterschied zwischen "keine kuratorische Erfahrung" und "keine kuratorische Leistung".
Und den "misogynen" (SZ) Charakter des Beitrages zu entdecken - oder auch nicht.

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Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft, in der Kulturpolitik von ganz besondrem Duft.
Das wichtigste deutsche Jazzfestival, das Jazzfest Berlin, wird ab 2018 von einer Frau geleitet: von Nadin Deventer, 40.
In einem Land, das seit 12 (und bald mehr?) Jahren von einer Kanzlerin geführt wird, sollte das nicht mal mehr einen Wimpernschlag hervorrufen. Zumal in einer Szene, deren Maulheldentum lange schon das entsprechende Sprungbrett gezimmert hat.
Die Szene steht Kopf, von „öffentlicher Hinrichtung“ des Festivals raunt ein Insider, mit Nadin Deventer hatte einfach keiner gerechnet. Obwohl, oder weil sie sie alle kennen. Seit 2013 ist sie den Berliner Festspielen in diversen Positionen verbunden, in den letzten drei Jahren, laut Jazzfest-Impressum, verantwortlich für „Festival Koordination & Organisation“, an der Seite von Richard Williams, dem Jazzfest-Programmchef (2015-17).
Die Szene steht auch deshalb Kopf, weil von Deventer keine kuratorische Leistung überliefert ist, die - Achtung, schiefer Vergleich! - beispielsweise dem legendären Merkel-Beitrag in der FAZ auch nur in kleiner Portion entspräche.
In dem Wortgeklingel, mit dem ihr oberster Chef Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, nun diese Hausberufung verkauft, ist sie gar nicht wieder zu erkennen: als „Jazzexpertin“, als „studierte Jazzmusikerin“, mit „untrüglichem Gespür für Qualität“ und „dem Drang, Jazz als progressive Kunstform erlebbar zu machen - experimentell, klug und politisch engagiert“.
Gut, dass Helmut Schmidt dies nicht mehr lesen muss.
Für den nächsten Satz hätte er Oberender in die HNO-Klinik geschickt:
„Sie hört nicht nur Jazz, sie lebt ihn.“
Kann man sich so einen Quatsch bei einer Berufung im Bereich Klassische Musik oder Neue Musik vorstellen? ("XY hört nicht nur Neue Musik, er lebt sie".)
Frau Deventer bedankt sich mit einem Text, der klingt, als habe sie den gleichen ghostwriter eingespannt:
Nadine Deventer 1
„Für mich ist Jazz als Improvisationsmusik gelebte Diversität, ein höchst kreativer und gleichberechtigter Dialog. Auch das Jazzfest Berlin mit seiner über 50-jährigen sehr erfolgreichen Geschichte sehe ich zukünftig verstärkt verortet als Teil einer weltweiten Community, verankert in der Berliner Musik- und Kulturlandschaft – beides auch zur Stärkung Berlins als Jazzstandort.“



Mag sein, dass das der Sound ist, der der Betriebstemperatur der Berliner Kulturpolitik entspricht.
Die lebt ihn nicht, die hört ihn nicht, sie schwadroniert nur über Jazz - als habe es einen Richard Williams, einen Bert Noglik, einen Albert Mangelsdorff, einen George Gruntz, einen Joachim Ernst Berendt nie gegeben.
Der gemeine Kölner sagt: Jazzstandort Berlin? Auf Augenhöhe mit Knollendorf!

erstellt: 11.04.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


Gestern noch haben wir auf bandcamp tracks aus ihrem Debütalbum „Magdalena“ gehört.
Und uns darüber gefreut, dass eine Schweizer Tenorsaxophonistin einen MBase-artigen Stil pflegt, und gestaunt, dass sie ihn beim Urvater des asymetrischen Funk über Jahre gelernt hat, bei Steve Coleman.
Heute nun erhalten wir über London Jazz News einen link auf einen großen Artikel der Daily Mail New York City.
Und erfahren darin viel, sehr viel über die Kosten des sehr speziellen paying the dues für die junge Schweizerin beim Altmeister.
Mit anderen Worten, #MeToo hat nun auch den Jazz erreicht.
Es ist nicht der erste Fall von sexual harrassment in unserer kleinen Welt, wie dieses Feld der Übergriffigkeit im Ango-Amerikanischen heisst, aber der erste, der vor Gericht geht.
grand colemanSteve Coleman, 62, verklagt Maria Grand, 26, wegen Verleumdung („defamation“).
Der Streitwert, nicht ganz unsexy, beträgt 500.000 Dollar, weil Coleman´s Ruf ramponiert sei und er Schwierigkeiten habe, Gigs zu buchen.
Auslöser war ein Brief Grands an die Ehefrau von Steve Coleman sowie Kollegen im November 2017, in dem sie auf sieben Seiten en detail beschreibt, unter welchen Bedingungen der bekannte Mentor die unbekannte Nachwuchskünstlerin musikalisch und erotisch beschäftigt hat.
Wobei sie klarstellt, dass Letzteres häufig die Voraussetzung für Erstes war.
Die Umstände, die sie beschreibt, sind entwürdigend. Obwohl sie eine gewisse Faszination durch den Älteren nicht leugnet, konnte sie ihn nicht mehr ertragen, sie spricht von „traumatischen“ Erfahrungen und ging, im Zuge der aufkommenden #MeToo-Bewegung, an die Öffentlichkeit.
Steve Coleman bestreitet alles und hat Klage eingereicht.
Die Daily Mail jedenfalls akzeptiert keine Kommentare mehr zu ihrem Beitrag, nachdem der letzte Eintrag eines Lesers lautet: „She played with his horn.“

erstellt: 24.10.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten


 

Bald 50 Jahre nachdem am Niederrhein ein Ort auf die Landkarte der zeitgenössischen Musik sich setzte, dem bis dahin niemand dies zugetraut hatte (Moers), wird sich Nämliches in gewisser Nachbarschaft wiederholen. Flußaufwärts, rechtsrheinisch und in größerer Nähe zum Strom.
Monheim heißt das Städtchen, mit 40.000 Einwohnern, begrenzt im Westen vom Fluß, im Norden von Düsseldorf, im Osten von Langenfeld, im Süden von Leverkusen.
Die „Hexe von Neuss“ ward hier geboren vor langer Zeit (1310), sehr viel später der Helge Schneider-Begleiter Buddy Casino (1955), der Choreograph Joachim Schlömer (1962), am nachdrücklichsten strahlt der Ruhm, wenn auch lange schon aus Hamburg, der Schriftstellerin Ulla Hahn (1945).
Monheim hat also noch viel Potenzial nach oben.
Und dass sich das entfalten wird, hängt mit dem politischen Standort der Gemeinde ab, in der seit 2009 ein Mitglied einer Jugendpartei den Bürgermeister stellt, Daniel Zimmermann von PETO (lat = ich fordere), seit der Kommunalwahl 2014 mit einem CSU-Wert von 65,6 Prozent.
Michalke pic 1Im Frühjahr 2017 trifft Zimmermann sich mit einem Altvorderen der Improvisierten Musik (oder „Aktuellen Musik“, wie er zu sagen vorzieht), der gerade die Leitung des Festivals in der niederrheinischen Ebene geschmissen hat: Reiner Michalke, 61, inzwischen Intendant des Stadtgarten Köln.
Michalke soll für Monheim eine Reihe planen, die den Moers-Rahmen stilistisch erheblich ausweiten wird.
Referenz, nicht Vorbild, ist das Big Ears Festival in Knoxville/Tennessee, wo Ashley Capps seit 2009 neben dem üblichen Jazzpersonal auch die ganze Garde der Minimal Music antreten lässt.
„Anders als in den Nachbarstädten Leverkusen und Düsseldorf, wo mit möglichst prominenten Namen ein regionales Publikum angesprochen wird, soll sich das Monheimer Festival der Herausforderung stellen, abseits des musikalischen Mainstreams, nur durch die Qualität von Musik und deren Inhalten Menschen zu faszinieren“, schreibt Michalke.
Erwarten könne das Publikum „daher eine Mischung aus improvisierter, komponierter und populärer Musik.“
K714Anders als in Knoxville wird es sich um eine Triennale handeln, die Monheim Triennale (an der Kölner Triennale in den 90ernff war Michalke auch beteiligt), erstmals 2020.
Das wird ein "Teaser" sein, der erste wirkliche Dreijahressprung beginnt 2023, mit der Fertigstellung der Stadthalle am Rhein (K714), einer ehemaligen Shell-Abfüllhalle mit einer Kapazität von 4.000 Sitzplätzen.
Der Budget beträgt laut RP satte 900.000 Euro, im Triennale-Jahr, in den Zwischenjahren je 200.000 Euro.
Michalke wird voraussichtlich ab Oktober als geschäftsführender Intendant beschäftigt, dazu zwei Mitarbeiter, von denen der eine schon aus Zeiten als Improvisor In Residence aus Moers erprobt ist: der Bassist Achim Tang.
Für ihn ist in Mo(ers)nheim bereits eine Wohnung reserviert, er soll "von dort aus als ständig präsenter Künstler Kontakte knüpfen zu Vereinen und Institutionen, um diese an das Festivalkonzept heranzuführen und gegebenenfalls einzubeziehen", wie der Bürgermeister sagt.
Der Kulturausschuß hat bereits zugestimmt (bei Enthaltung der SPD), Anfang Oktober wird der entsprechende Ratsbeschluß erwartet.

erstellt: 06.09.18
erweitert: 08.09.18
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Die Berufung hatte Überraschung hervorgerufen, auch Entsetzen.
Aber der Mißmut wurzelte wenig bis gar nicht in den anti-femininen Reflexen der Kritiker, sondern in ihrer Erfahrung, dass von der Kandidatin aus ihrem früheren Wirkungskreis keine entsprechenden Leistungen überliefert sind.
Leistungen, die sie zur Führung eines der großen Jazzfestivals befähigen.
Nadine Deventer 1Nun legt Nadin Deventer ihr erstes Programm vor, das erste für die von ihr zu verantwortenden drei Ausgaben des Jazzfest Berlin.
Und - das Wortklingeln, der Kuratorensprech aus dem Berufungsinterview (mit ihrem Chef Thomas Oberender) ertönt ein wenig leiser, das Programm schaut aus, als könne man ihm Ernsthaftigkeit nicht absprechen.
Warum soll nicht auch diese Kandidatin mit ihren Aufgaben wachsen?
Die erste Frau auf diesem Posten, nach 8 Vorgängern, von denen ein jeder bei der Kritik im Feuer stand, am wenigsten wohl noch Bert Noglik (2012-2014).
Ein solches, einst repräsentatives Festival kann man nicht mit hohen Zustimmungsquoten leiten, weil sein Geltungsbereich von jedem anders zugeschnitten wird.
Ob´s was war, lässt sich erst klingend beurteilen. Und Frau Deventer hat ein paar assets dabei, die das Niveau nicht nach unten drücken. Z.B. Bill Frisell solo, Mary Halvorson als Artist In Residence oder Jason Moran mit einem audio-visuellen Projekt namens The Hellfighters.
Ob der Chicago-London-Schwerpunkt außer zeitgeistigem Bouquet (u.a. mit einem revitalisierten Art Ensemble) auch ästhetisch überzeugen mag, wird man abwarten müssen.
Ebenso, ob Masse (allein am Eröffnungstag, 1.11., sollen 10 acts auf 5 Bühnen in 7 Stunden das Festspielhaus in ein „Haus of Jazz“ verwandeln) immer auch mit „Klasse“ gleichschwingt.
Es düfte ein Festival der Debatten werden.
Das vollständige Programm hier

erstellt: 08.09.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten


Unter den deutschen Jazzpreisen ist er der groteskeste.
Wann hat sich je ein Preisträger öffentlich über eine Auszeichnung gewundert, wo doch der Namensgeber ihn, den Ausgezeichneten, zeitlebens nicht beachtet habe?
(2013 Paul Kuhn über den Joachim-Ernst-Berendt-Ehrenpreis der Stadt Baden-Baden)
Seit 2012 inszenierte sich der Preis als Lachnummer in der Stadt, von der aus der Namensgeber die Frohe Botschaft der Improvisierten Musik jahrzehntelang in die Welt getragen hatte.
Ein Projekt völlig unabhängig von seinem Arbeitgeber, dem SWF/SWR, der ihn 1987 im Streit in den Ruhestand verabschiedet hatte; initiiert von einem ortsansässigen Sänger mit vagen Verbindungen zur Jazzwelt.
Die Witwe Jadranka Marijan-Berendt hatte ihm die Namensrechte in dem guten Glauben überlassen, damit dem guten Ruf ihres Gatten zu dienen.
Sie sah sich getäuscht, insbesondere die Auszeichnung 2018 (an Helge Schneider) steigerte ihren Argwohn bis zu einem kritischen Punkt.
Zusammen mit der Oberbürgermeisterin der Stadt, Margret Mergen (CDU), erstellte sie eine Liste mit Voraussetzungen für künftige Preisverleihungen an das Event Team B-Bad. Sie konnten - erwartungsgemäß - nicht erfüllt werden - „und sie haben mir die Rechte auf den Namen Joachim-E.-Berendt endgültig zurückgegeben“ (J. Marijan-Berendt).
Ob auch ihr lang gehegter Wunsch in Erfüllung geht, dass der nun wirklich renommierte SWR Jazzpreis (verliehen zusammen mit dem Land Rheinland-Pfalz) nach seinem Gründer JEB (1981) benannt wird, steht auf einem ganz anderen Blatt.

erstellt: 17.08.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten