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WAYNE HORVITZ & TUCKER MARTINE Mylab *****

1. Pop Client (Horvitz, Martine), 2. Master Korean Musicians of Canada, 3. Land Trust Picnic, 4. Varmint, 5. Fancy Party Cakes, 6. Phil and Jerry, 7. Workaholic Song, 8. Old Days, 9. Earthbound, 10. Not in my House, 11. Ask Mickey, 12. Chi-Chi Marina

Wayne Horvitz
- p, ep, org, synth; Tucker Martine - dr, perc, proc; Danny Barnes - banjo, dobro, voc; Aminata Diabate, Robin Holcomb, Reggie Watts - voc; Bill Frisell, Timothy Young - g; Orville Johnson, Eyvind Kang - v; Brigan Krauss, Skerik - sax; Keith Lowe - b, bg; Bobby Previte, Andy Roth - dr; Doug Wieselman - g, cl, sax; Lowell Horvitz, Sofia Barsher - voc

Terminus Records 0301-2
www.terminusrecords.com

Tucker Martine, das ist der Mann, der in den letzten Jahren die Aufnahmen von Wayne Horvitz tontechnisch betreut. Normalerweise fällt solches Personal in den
liner notes unter das Kleingedruckte. Martine aber nimmt bisweilen einen gegenläufigen Kurs: er rückt in die Besetzungslisten auf, auch bei manchen Tourneen laufen die Kabelstränge auf ihn zu. Dann ist sein Platz auf der Bühne, neben den Musikern, und seine Tätigkeit heisst live sound processing.

Martine ist seit knapp einem Jahrzehnt dort, wo auch Wayne Horvitz sich befindet; zuständig für den kristallklaren Sound, etwa bei den Produktionen des American
Bandstand Quartetts, aber auch für das schiere Gegenteil, die ausgewaschenen, verbeulten Klänge, den TripHop Sound. Dass er hier zur leadership aufgestiegen ist, kann nur Letzteres bedeuten: Mylab ist denn auch weniger Electronica, es ist vor allem ein TripHop-Staubtuch, in dem - bis auf dezidierte Bali-Muster - alle Partikel der Horvitz´schen Welt hängengeblieben sind: der Blues, Surf Music, Country, der Soul-Einfluss (geradezu Stax-Bläser in "Pop Client"), Ethno, das Wurlitzer-Piano, ein wenige Duke Ellington und ... ostinati & riffs bis zum Abwinken. Manchmal wartet man, kommt noch was obendrauf? Aber nein, das riff genügt sich selbst, tuckert vor sich hin.

Wenn im Zusammenhang mit Bill Frisell die Rede ist vom autobiographischen Musizieren, dann gilt dies - mit versetzten Inhalten - auch für Wayne Horvitz. Auch er werkelt an einer sehr amerikanischen Baustelle. Aber Frisell hat einen langen Atem, hört einzelnen Tönen mitunter lange nach - Horvitz geht mehr klangfarblich vor, denkt in Modulen. Extreme zu kontrastieren, fette Bläser z.B. auf ein Afro-Intro folgen zu lassen ("Phil and Jerry"), Einzelteile zu wiederholen, auch wenn sie nur Skizzen sind, das ist sein Anliegen.

Wenn Frisell bei ihm gastiert, dann hat Horvitz auch einen Solisten; ein Status, der in seiner Musik nicht sonderlich gefragt ist. Nur Frisell erhebt sich über die kleinen Zellen, die meisten sind Klangfarbenmaler, unter ihnen Nervensägen wie Doug Wieselman und Briggan Kraus. Ein Wayne Horvitz fände auf Fingerschnippen hin Dutzende qualifizierter Saxophonisten, wahrscheinlich will er sie gar nicht. Und damit beginnt auf Hörerseite ein Problem mit dieser Musik: es fehlen starke (Instrumental)Stimmen, die die vielen kleinen Einfälle (z.B. eine schöne Kombination von 6/4-walking bass und drum´n´bass in "Fancy Party Cakes") zusammenbinden.

Wahrscheinlich aber ändert sich die Wertung, wenn man die Perspektive wechselt, wenn man Mylab als Sammlung von Songs ohne Texte auffasst.

©Michael Rüsenberg, 2004,
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