Drucken

BILL FRISELL Richter 858 *****

1. 858-1 (Bill Frisell), 2. 858-2, 3. 858-3, 4. 858-4, 5. 858-5, 6. 858-6, 7. 858-7, 8. 858-8
Bill Frisell - g, Jenny Scheinman- v, Eyvind Kang - va, Hank Roberts - cello

rec 20.07.2002

Edel-Contraire/Songlines SGL SA1551-2

Dieses Album ist ein Glücksfall - hinsichtlich der Dokumentation seiner ästhetischen Umstände und seiner Zielsetzung. Selten sind beide im Umkreis der Produktion eines "Jazz"-Künstlers so eindeutig beschrieben worden.
Die Qualität dieses Albums liesse sich deshalb mit der Frage beantworten: inwieweit ist es
Bill Frisell gelungen, der Bilderserie 858 des Kölner Malers Gerhard Richter gerecht zu werden?
"Richter 858" ist eine achtteilige Serie abstrakter Bilder aus dem Jahre 1999, für eine grosse Richter-Retrospektive im Museum Of Modern Art in
San Francisco, 2002. Dem Katalog lag die CD bei, die jetzt von Songlines als Super Audio CD (läuft auf jedem CD-Player), inkl. slide show mit der Musik als mp3-files, veröffentlicht wird.
Auftraggeber ist der Produzent
David Breskin, der 1987 für Powertools verantwortlich war. Breskin hat für Frisell eine umfangreiche Sammlung an Vorgaben: "Es sollen acht unterschiedliche Stücke sein, ein jedes in einer 1:1 Beziehung zum jeweiligen Bild, das als Auslöser fungiert."
Man muss keine Kunsttheorie bemühen um zu erahnen, dass Breskin Frisell damit auf den
Holzweg schickt - wenn er ihm überhaupt irgendeinen Weg weist, trotz der nicht nur ausführlichen, sondern auch höchst präzisen Anweisungen ("Worin besteht der Unterschied zwischen einem mechanischen und einem organischen Prozess?")
Ganz sicher ahnt Breskin, dass
Inspiration nicht als linearer Prozess verläuft (Frisell soll sich ja volltanken mit Eindrücken, um dann die "Sprache" Richters in seine "Sprache" zu übersetzen) und sagt, Frisell könne seine "lustigen Fragen und Gedanken aufgreifen, vergessen und/oder ignorieren"... Breskin hat also eine wesentliche Lektion des Jazz schon gelernt: im Jazz ist immer auch das Gegenteil richtig.
Bill Frisell schreibt denn auch in den liner notes: "Was mich vermutlich mehr als die Bilder selbst beeinflusst hat, war, was ich über Richter selbst erfahren konnte(...)Ich war stark beeinflusst von einem
Video über Richter, wie er ausschaut, wie seine Stimme klingt, dass er kein Aufhebens von sich macht; wovon man weniger mitbekommt, wenn man nur über ihn liest."
Wie gesagt, von dem "
1:1 Verhältnis", das Breskin ursprünglich fordert, bleibt nichts mehr übrig. Und dazu braucht´s keinerlei Kunsttheorie, das Studium des ausführlichen booklet reicht für diese Erkenntnis.
Gleichwohl - wie zu erwarten - blubbert die gemeine deutsche Jazzkritik, sie habe
Verbindungen erkannt ("Feinsinnig gelingt es dem Quartett, die pralle Farbigkeit und strukturelle Verschwommenheit der Bilder einzufangen.", Jazzthetik 2/05), wo es solche gar nicht geben kann. Musik kann nicht einmal ein "oben" und "unten" aus einer visuellen Vorlage nachbilden. Wo sollte man - umgekehrt - z.B. in Richters "858-3" den 3/4-Takt "finden", den Frisell dazu notiert?
Verwandtschaften zwischen Malerei & Musik sind
Sprachkonstrukte, keine Merkmale der Kunstwerke, die beobachtet oder nachvollzogen werden können.
Dieses Album macht den Elchtest: wir
sehen die Vorlagen, hören Frisells Lösungen - und können trotzdem nicht verfolgen, warum er was wie gemacht hat. Zumal Bill Frisell mit seiner musikalische Fantasie haushält. Manche seiner vertrauten Melodien sind da, manche seiner Rhythmen. Aber weil wir bei Richter ja im Bereich des "Abstrakten" uns befinden, hat er sich dann doch irjenswie bei einer Art Quersumme des Kronos Quartet bedient.
Eben weil es sich hier um Absolute Musik handelt, die tut, als sei sie es nicht, fällt die Beurteilung so unheimlich schwer; (dass Richter sich jeglicher Äusserung zu diesem Projekt versagt, tut ein übriges.)
Zumal diese SACD noch ein echtes As im Ärmel hält: wer die CD in das Laufwerk des Computers legt und - TFT-Bildschirm vorausgesetzt - die
slide show verfolgt, die völlig willkürlich und unabhängig von Frisells Musik in Details der Bilder hineinzoomt, der kann grossen Gefallen finden an den knalligen Farben und vielfältigen Figurationen...die Musik läuft einfach dazu, sie wird getrennt wahrgenommen - man kann sie auch abschalten und Richter 858 trotzdem geniessen.

erstellt 01.02.05.
©Michael Rüsenberg, 2005, Alle Rechte vorbehalten