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NORBERT STEIN PATA GENERATORS Code Carnival ********

1. Code Carnival (Norbert Stein), 2. Raga vom einfachen Leben, 3. Bersten in rot, 4. Liquid Bird, 5. Monks, 6. Frozen Kakadu, 7. Sing a pure song, 8. Sterntagebücher, 9. Ballade von Zounds! and Pox!, 10. Just brave in a brain

Norbert Stein
- ts, Michael Heupel - fl, bfl; Klaus Mages - dr, Thomas Heberer - tp, Achim Tang - b, Frank Gratkowski - cl, Matthias Muche - tb, Christopher Dell - vib

rec 05 + 08.2005
Pata Musik PATA 17 CD; LC-Nr 05107
www.patamusic.de

Norbert Stein gehört zu den happy few im Deutschen Jazz, die - künstlerisch! - ausgesorgt haben: er nennt ein klingend erkennbares Konzept sein eigen. Ob man diese Patamusik genannte Stilistik aus der Pataphysik des Alfred Jary herleitet (wie Stein es nicht ohne Augenzwinkern beliebt) oder sonst wo her - es ist wurscht. Ein Begriff für eine tönend bewegte Sache ist und bleibt ein Kunstprodukt, eine pure Analogie-Brücke, die man nicht (musik)logisch bauen kann.
Dem Duktus der Patamusik würde beispielsweise ein Etikett, das ihre Eigenarten wie
Hymnen-Melodik oder narrative Melodik ausspräche, viel besser gerecht werden. Aber es wirkte umständlicher, Patamusik hingegen ist schlicht und deshalb unschlagbar.
Das gilt - und jetzt kommt der zweite grosse Bonus zum Vorschein - auch für die klingenden Resultate. Ob Patamusik im Trio antritt, wie hier im
Oktett oder in Big Band-Stärke - man erkennt sie sofort. Sie verliert nie ihre Identität, Patamusik ist formatunabhängig.
(Ich setzte noch eins drauf: Norbert Stein hat vor ein paar Jahren die jazzigste Patamusik in Quartettbesetzung auf eine Provinzbühne gebracht - ein Projekt, das noch seiner Studio-Reproduktion harrt.)
Patamusik ist
Norbert Stein, und Norbert Stein ist Patamusik auch deshalb, weil die Mitspieler keinen Zugriff auf das Repertoire haben, sie sind als Interpreten gefragt und nicht als Komponisten.Patamusik bleibt immer gleich, nur ihre Erscheinungsformen, vulgo: Besetzungen ändern sich. Man kann dieses Prinzip geradezu auf einen Punkt reduzieren: "Liquid Bird" erscheint hier nun schon zum vierten Male seit 1993 - und wirkt doch wieder anders.
("Monks" erscheint hier zum zweiten Male, und man fragt sich gerdezu, warum nicht auch das beliebte "Atonal Citizen" mit dabei ist...).
Was "Code Carnival" von früheren Produktionen unterscheidet, ist, dass sie nicht bei anderen
Musikethnien andockt, kein Marokko, Bahia, Java nirgends, sondern sich gleichsam nach hinten öffnet, ins eigene Sprengel - in den Jazz. Kein "Jazz plus X", wie er heute vielerorts zum Dogma erstarrt ist; hier werden wir Zeugen eines stilistischen Rückbaus, wie er manchen sicher nicht gelänge. Hier legt er Stärken frei.
Die Rhythmen also sind jazz-nah, in vielfältigen Formen von
swing über mächtige Rock-Achtel bis frei-metrisch (wobei, kleine Einschränkung, die Rhythmusgruppe hier und da noch mehr zusammenwachsen kann).
Ein Plus dieser Produktion liegt auch in den solistischen Qualitäten ihrer erweiterten Besetzung:
Thomas Heberer, Christopher Dell sind hier zu nennen, auch der Bandleader zeigt, ayleresk, Kontur.
"Code Carnival" wird eingerahmt von
Märschen: das Titelstück eröffnet als eine Art Jazz-Marsch. "Just brave in a brain" schliesst als "Rock"-Marsch: ein punkiges 2-Takte-Bass-ostinato, das bei 3:58 der Bass in triolisches Afro-Feeling führt und später wieder zurück zur Themenwiederholung über binärem Beat.
Norbert Stein kostet solche rhythmischen Modulationen geradezu aus: ein track zuvor, "Ballade von Zounds!", wiederum ein
2-Takte-Bass-ostinato, ein kontrapunktisches Thema; auch dieses Stück fällt geradezu in einen ternären Groove, diesmal einen schnellen swing, nachdem es sich vorher bis zur Auflösung des Metrums aufgerieben hat.
Es scheint, als habe Norbert Stein mit "Code Carnival" den
Fokus der Möglichkeiten seines Systems weit aufgezogen; seine Bestandteile funktionieren so zuverlässig, dass man sich in der Folge auch wieder eine Reduzierung der Mittel vorstellen kann - ohne an Abwechslungsarmut zu leiden.

erstellt 26.01.06

©Michael Rüsenberg, 2006, Alle Rechte vorbehalten