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ROOT 70 Heaps Dub ***

01. Get things straight (Friedman), 02. Designer Groove, 03. Five Star Group Travel, 04. Destination unknown, 05. Revivitator, 06. Escape the Night, 07. Life is worth... 08. It ain´t Rocket Science, 09. Bosco´s Disposable Driver, 10. Nightbeat

Nils Wogram - tb, Hayden Chisholm - as, cl, bcl, arr; Jochen Rückert - dr, Matt Penman - b, Burnt Friedman - dub, prod Black Sifichi - voc

rec 10.2005
Groove Attack/Nonplace non20; LC-Nr 10909

Eine Binse vorab muss sein: Nachbarschaftshilfe ist, wie ein jeder bestätigen wird, eine feine Sache. Schon das Wort selbst hebt ihren primären Charakter hervor: Nachbarschaftshilfe ist eine Privat-Angelegenheit, die meisten ihrer Anlässe und Gründe interessieren schon einen Block weiter niemanden mehr. Es sollte also triftige Gründe geben, wenn Nachbarschaftshilfe ein grössere Öffentlichkeit sucht.
Das ist hier der Fall. Auch wenn "Heaps Dub" an alles mögliche denken lässt und von der gemeinen Jazzkritik wahrscheinlich wieder gelobhudelt wird: es handelt sich dabei um ein Produkt der Nachbarschaftshilfe (die, wir wollen das Fazit gerne vorwegnehmen, am besten unterblieben oder privat, vulgo: unveröffentlicht geblieben wäre.)
Der Charakter der Nachbarschaftlichkeit zwischen
Burnt Friedman und Root 70 erschliesst sich nicht über eine Analyse der Musik(en) - die Schnittmenge zwischen der Banal-Elektronik hier und der Materialfülle dort strebt gegen Null. Allenfalls das Vorhandensein von ungeraden Metren hier wie dort lässt die Schnittmenge nicht auf absolut Null schrumpfen.
Diese Nachbarschaft entstammt dem realen Leben. "Ich habe noch ein Zimmer in Köln", sagt
Hayden Chisholm gern, wenn die Kölner den kühlen Wahnsinnigen des Altsaxophons, der seit paar Jahren in Berlin lebt, wieder für sich reklamieren wollen. Spielt Chisholm in Köln, dann wohnt er in seinem Zimmer, und das ist Teil der Wohnung von Burnt Friedman, am Kölner Eigelstein.
Mit ihm hat Chisholm vor Jahren eine Tournee durch das heimische Neuseeland unternommen, von der sein Nachbar sprichtwörtlich als "Burnt Friedman" heimkehrte, weil dort unten niemand seinen deutschen Namen korrekt aussprechen konnte.
Friedman´s Elektronik besteht aus kleinzelligen Girladen, nahe an Reggae und
Dub; sie benötigen keine entwickelte Thematik, zu ihnen passt allenfalls Jackie "Metronom" Liebezeit, ein weiterer Bewohner jenes Hauses am Eigelstein. Als dieses Trio im März 2006 im Stadtgarten Köln spielte, war unsereins versucht, dem Virtuosen Chisholm zuzurufen "Hayden, wann spielst Du mal wieder?", so wenig, so banales Zeugs gab es für ihn zu tun. Jedenfalls sackte der Erwartungspegel im Hinblick auf das damals angekündigte Root 70-Projekt mit Friedman in den Keller.
Musiker mithin, die an Präzision & Interaktion kaum zu übertreffen sind, die formal in Suiten denken, sie stehen nun auf einem Feld herum, auf dem meistens nur für zwei Takte gesäht ist. Es ist der Acker von Burnt Friedman, auf dem Melodie & Harmonie keinen Nährboden finden, allenfalls krumme Rhythmen hier und da - worauf in den entsprechenden Organen immer wieder verwiesen wird. Denn "Grooves", die nach Knäckebrot schmecken, wollen wenigsten doch mit
ungeraden Metren gewürzt sein.
Diese Speisekarte kennen wir schon von einem ähnlichen Projekt aus Mainhattan vor ein paar Jahren, wo Jazzmusiker gleichfalls Stücke interpretierten, die vorher als elektronisch erzeugte in irgendeinem Techno-Fach lagen.
Wer Jazz nicht kennt, möchte das aufregend finden und an ein Abenteuer glauben. Wer mit Jazz aber vertraut ist, wer obendrein an einem Buffett von Root 70 hat naschen dürfen, der kann diese Aktion nur ärmlich finden. Sie hat nichts, was sich von gelernten Improvisatoren strukturell entfalten liesse - und sie hat nicht mal was an klanglicher Rafinesse aufzubieten.
"Designer Groove" z.B., schon der Titel lässt das klingende Elend erahnen, was sich hier in 5 Minuten ausbreitet. Die Root 70 - Musiker sind unterfordert mit der banalen Thematik, das
9/4-Metrum wirkt trotz Akzentverschiebungen starr. Kein Wunder, dass hier nix groovt, wo die Vorlagen steif sind und steif bleiben, und die klanglichen Nachbearbeitungen des Herrn Friedman lediglich der Aufhübschung dienen. Eine Reggae Twop Twenty im BFBS ist ein Abenteuer gegen diesem preussischen dub.
In "Destination unknown", Donnerwetter!, ist stellenweise ein
walkin´ bass erlaubt, und einzig von "Escape the Night" möchte man vielleicht mal das Original hören, weil die Rhythmusgruppe hier einen ziemlich abgedrehten Groove spielt, mit so schrägen Akzenten, dass man eine Zeitlang braucht, um das 6/4 bzw 6/8 Fundament herauszuhören. Aber das ist die Ausnahme. Befänden wir jetzt im Jazz oder den angeschlossenen Spielarten, dann wäre nicht verpönt, das Metrum aufzulösen und den Solisten Auslauf zu gewähren.
Hier aber dürfen wir lediglich Alpinisten zuschauen, die im Alpenvorland aufgeregt auf der Stelle treten, weil ihr Freund und Nachbar nur fürs
Flachland ausgerüstet ist.
Die gute Nachricht: im Januar 2006 haben Root 70 in New York ein neues Album aufgenommen, "Fahrvergnügen", VÖ: Herbst 2006.

erstellt 11.07.06

©Michael Rüsenberg, 2006 Alle Rechte vorbehalten