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NICHT VOR DEN KINDERN Überm Regenbogen *******

1. The Lady is a Tramp (Rodgers, Hart, Franck), 2.A Night in Tunesia (Gillespie, Franck),3. Somewhere over the Rainbow (Arlen, Harburg, Franck), 4. All the Things you are (Hammerstein, Kern, Franck), 5. My Ship (Weill, Franck), 6. Everything happens to me (Dennis, Adair, Franck), 7. The Girl from Ipanema (Jobim, Franck), 8. Fly me to the Moon (Mancini, Franck), 9. Close to you (Bacharach, Franck), 10. I don´t know what time it was (Rodgers, Hart, Franck), 11. So what (Miles Davis, Franck), 12. When I fall in Love (Heyman, Young, Franck), 13. Nicht vor den Kindern (Franck)

Hinrich Franck - keyb, voc; Heiko Braun - g, voc; Jörg Lehnardt - g, voc

rec 05 + 08.09.2005
Valve Records # 1086; LC-Nr 05122

Hinrich Franck, der Pornograph unter den deutschen Jazzmusikern, ist wieder da. Und es wäre interessant, einem anderer Spezialisten für Schweinkram, Joseph von Westfalen ("Die Memoiren meiner Frau"), das neue Franck-Werk vorzulegen. Gilt er doch als Jazz-Experte unter den deutschen Schriftstellern, stapelweise liegen in den Hörbuch-Regalen seine Jazz-Compilations, deren wechselnde Titel allesamt die Eroberung des anderen Geschlechts nahelegen.
Mutmasslich aber wird Westfalen, jazz-historisch ein Traditionalist, von Franck eher abgeschreckt sein. Vielleicht weniger durch die aus ihm (auch) sprechende Perspektive des ewigen Verlierers als vielmehr durch Franck´s unklaren Bezug zur Jazzwelt.
Hier nämlich werden Standards gegen den Strich gebürstet, oder - um das viel schönere Englisch von
Django Bates zu bemühen: to arrange the hell out of them.
Wer aber die berühmten Vorlagen so biegt, als kämen sie aus hard´n´heavy oder Rockabilly oder der Neuen Deutschen Welle, der muss sie eingehendst studiert haben. Und Hinrich Franck, soviel sei Novizen gesagt, ist im Sektor der skurrilen Standard-Bearbeitungen nicht erst seit gestern unterwegs.
Aber es sind Jazzmusiker, die hier so tun
als ob (kein Popschlagzeuger würde solche snare-Handkantenschläge in der Tradition von Steve Jordan plazieren wie Heiko Braun, von den schrägen out of time fills im Blues-Mittelteil von "So What" ganz zu schweigen.)
Das Ganze ist eben ein Riesen-fake und -Spass!
Es dürfte nicht schaden, die Vorlagen zu kennen, um den Franck´schen Tribut durch Distanzierung überhaupt wertschätzen zu können.
Wieder einmal aber erweisen sich die grossen Denkmäler als gegen jeden Pinkelbogen gefeit; einen
Burt Bacharach kann auch Hinrich Franck nicht unterspülen, das "Girl von Ipanema" bleibt gegen jede Urlaubslyrik gefeit - und "My Ship" strotz geradezu vor Kraft, als heavy Hymne!
"My Ship" übrigens wird allen Sendboten der
Politischen Korrektheit schwer gefallen; es trägt einen Text nach dem Motto "Das Boot ist voll", als wäre es kurz nach der Cap Anamur-Affäre vor Lampedusa entstanden.
Zahlreich und eine Rafinesse für sich sind die zahlreichen
old school Verschrobenheiten, mit denen die Aufnahme geradezu gesprenkelt ist. Das amtliche HammondB3-Solo hier, das Shadows-Zitat dort.
Dabei ist nicht alles gelungen, der Auftakt eher schwach - aber zum Glück von der ironischen Selbstkritik getragen "Ich glaub´ ein Sänger werd´ ich nie!"
"My Ship" aber ist ein Fall für sich, ein Ohrwurm sondergleichen und"So What" - inklusive Halbton-Rückung - geradezu genial fehl-gedeutet.
Nicht vor den Kindern? Tja, wegen der einen oder anderen Textzeile vielleicht - grösstenteils aber könnten sie ihren Spass haben. Ohne recht wissen, was unter der Oberfläche steckt.


erstellt: 13.02.06

©Michael Rüsenberg, 2006, Alle Rechte vorbehalten